BERGBAU
Bergbau, Extraktivismus, Boden- und Wasserverschmutzung
Teilnehmende: Fikret Adaman, Eren Dağistanlı, Sencer Vardarman, Tuğçe Tuna, Bekir Dindar
Moderation: Serkan Kaptan, Yasemin Ülgen, Ayşe Ceren Sarı
Als birbuçuk-Projekt hielten wir unsere sechste Sitzung zum Thema Bergbau ab. 24. Februar 2018, Studio-X Istanbul. Die aus dem Gespräch verbliebenen Sätze — offen für Reflexion und Verwendung — wurden von uns redigiert. Nach dem Vorbild wissenschaftlicher Aufsätze haben wir es vorgezogen, den Sitzungstext als kollektive Produktion zu präsentieren. Die Identitäten der Teilnehmenden sind zu Beginn vermerkt; zugunsten des Leseflusses wurden die Stimmen anonymisiert und in kollektive Rede überführt.
DER FETISCHISMUS DES WACHSTUMS
Bergbau, Kohle, Energie, Bau, Gold. Hinter allem steckt derselbe Antrieb: schnell in Geld umwandeln. Schnell Energie produzieren. Schnell Gebäude, Straßen, Flughäfen bauen. Hinter diesem Antrieb steht ein regelrechter Fetischismus des Wachstums — eine Ideologie, die Wirtschaftswachstum als notwendig, natürlich und gut betrachtet. Wachstum in Frage zu stellen, wird als Naivität oder Verrat gebrandmarkt. Doch Wachstum dient bestimmten Interessen — denen der Unternehmen, der Bauunternehmer, des Staates — und verteilt seine Kosten auf andere: auf Arbeiter, Gemeinschaften, Ökosysteme.
Dahinter steckt ein regelrechter Fetischismus des Wachstums.
Umweltprobleme entstehen nicht aus dem Fehlen von Marktpreisen — das ist eine reduktionistische und naive Sichtweise. Das Problem liegt in Konflikten zwischen Gewinnern und Verlierern, im Versagen kollektiven Handelns, in Machtasymmetrien. Ökologische Ökonomie stellt nicht Preisgestaltung, sondern Machtverhältnisse und Politik in den Mittelpunkt. Extraktivismus erstreckt sich über den Bergbau hinaus: die riesige Sandgewinnung für den Bau, Geothermieverbrauch, landwirtschaftlicher Kollaps, Fischerei, Forstwirtschaft. In der Türkei ist geothermische Energie der am schnellsten wachsende Energiesektor — als „saubere Energie“ etikettiert, aber Unternehmen leiten erhitzten Dampf in Flüsse und in die Luft ab, statt ihn wieder in den Untergrund einzupressen.
Der Diskurs über das Energiedefizit ist ebenfalls eine Mystifikation. Amtliche Zahlen zeigen einen Energieüberschuss; das Defizit ist ein künstliches Konstrukt, legitimiert durch die Wachstumsideologie. Die Rhetorik „wir brauchen Energie“ maskiert die eigentliche Frage: Energie für wen? Energie wofür? Es sind nicht individuelle Nutzer, die den größten Teil der Elektrizität verbrauchen, sondern Betonwerke, Einkaufszentren, die Bauindustrie. Aber die neoliberale Rahmung verlagert die Verantwortung auf das Individuum: „Wenn du gegen den Bergbau bist, verbrauche keinen Strom.“
FÜNFUNDZWANZIG JAHRE WIDERSTAND
Um Artvins Platz im türkischen Bergbauwiderstand zu verstehen, muss man den seit 1993 andauernden Kampf betrachten. In der Provinz sind rund 300 Bergbaulizenzen aktiv. Cerattepe — der an das Stadtzentrum angrenzende Berg — ist das umstrittenste Gebiet. Wenn Artvin Istanbul wäre, wäre Cerattepe der Taksim-Platz.
Stellen Sie sich vor, der Ort, an dem wir sind, sei Artvin. Und das Bergbaugelände sei Taksim. Eigentlich geht es um nichts anderes.
Es gibt drei Gründe für Artvins unverhältnismäßige Sichtbarkeit. Erstens ein starkes Diaspora-Netzwerk: Wohin auch immer Menschen aus Artvin gezogen sind — Istanbul, Ankara, İzmir, Antalya, Muğla — dort mobilisieren sie sich für die Angelegenheiten ihrer Heimat. Dieses geografisch verstreute Netzwerk schafft eine Resonanz, die rein lokale Bewegungen nicht erreichen können. Zweitens, mehr als fünfundzwanzig Jahre organisierten lokalen Widerstands: Haus-für-Haus-Organisierung, Abweisung von zwei Bergbauunternehmen, zwei gewonnene Gerichtsverfahren. Drittens, eine mehrgleisige Strategie — akademische Analyse, juristischer Kampf, Medienpräsenz, künstlerische und kulturelle Intervention, direkte Aktion, internationale Solidarität. Fehlt eines davon, wird die gesamte Struktur schwächer.
Der Prozess, der die Anadolu-Gruppe in Gerze zum Rückzug aus einer Investition brachte, in die sie bereits mehr als drei Millionen Dollar gesteckt hatte, wurde durch das Zusammenwirken von intellektueller Linker, Volkschor, juristischer Arbeit und Medien möglich — er gilt als der größte Erfolg der Türkei auf diesem Gebiet.
Aber Aktivismus ist auch eine Geschichte persönlicher Transformation. Jemand, der das Lasische verloren hat, jeden Sommer in die Heimat zurückkehrt und aus der vierten Generation einer Bergmannsfamilie stammt, aber nicht im Bergwerk arbeitet, lernt unter dem Druck der Umstände: Photoshop (für Protestplakate), Videoschnitt, Kemençe (für die Musik). „Die Umstände haben mich dazu gezwungen. Ich wollte das nicht. Sie haben mich so gemacht.“ Redaktion einer lokalen Nachrichtenseite, Gestaltung, Musik — alles in einer Person, denn Widerstand verlangt Vielseitigkeit.
Der „Masterplan“ für die östliche Schwarzmeerregion — als Tourismusroute präsentiert, in Wahrheit aber eine Karte der Ausbeutung durch Energiewirtschaft, Bergbau und Wasserkraftwerke — erklärt die grünen Straßen: neun Meter breit, angeblich für Touristen gebaut, tatsächlich aber von Abraumlastern befahren. Fatsa ist einer der größten Haselnussmärkte der Türkei; die umliegenden Felder wurden durch den Bergbau geplündert, die Qualität ist gesunken; man vermutet, dass die von Italien zurückgeschickten Haselnüsse von hier stammen.
DER NAME DES MÖRDERS
Bei Grubenunglücken verschweigen die Medien routinemäßig die Namen der Unternehmen. Oft kennen wir die Namen der Toten nicht — aber auch die Namen der Mörder kennen wir nicht. Aufdeckung — Unternehmen benennen, Eigentumsstrukturen kartieren, Entscheidungsträger identifizieren — ist eine politische Praxis.
Der Mörder hat nur einen einzigen Namen; ich denke, den könnten Sie sich leicht merken.
Die Kluft zwischen amtlichen Statistiken und der Realität ist riesig. Schätzungsweise siebzig Prozent der Todesfälle im Bergbau werden nicht erfasst — per Handschlag geregelt, mit Blutgeld abgefunden. Chinesische Arbeiter sterben, werden vor Ort begraben, nicht registriert, verschwinden. Täglich sterben schätzungsweise sieben bis acht Arbeiter, doch diese Todesfälle bleiben unsichtbar, weil sie verstreut sind. Wenn 301 Menschen auf einmal sterben, wird daraus eine Nachricht; einzelne Todesfälle gehen lautlos vorüber.
Zwei Dörfer wurden für einen Staudamm überflutet — Sirya (Zeytinlik), wo traditionell Oliven angebaut wurden, und Oruçlu. Beide wurden in neue Dörfer umgesiedelt; dann sollten die Bergbaustraßen durch das umgesiedelte Oruçlu führen. Die Dorfbewohner: „Sie haben schon unser Ahnenland genommen, unsere Felder überflutet, uns umgesiedelt — und jetzt auch noch eine Straße?“ Berge und Täler tragen verkörperte Geschichten. Der Bergbau löscht die geschichteten zeitlichen Beziehungen aus, die Menschen zu Orten unterhalten. Die Alten bleiben, aber die Jungen wandern ab — die Dörfer leeren sich zur Hälfte — und das soziale Gefüge zerreißt.
In Bartın — in Tarlaağzı — nähert sich ein zweites Soma. In der Region, in der Bauern und Fischer leben, gibt es ein Kohlebergwerk; nun soll dort auch noch ein Wärmekraftwerk gebaut werden. Kinder und Ehepartner arbeiten in den Minen; die Eltern sind gegen das Wärmekraftwerk. Das Bergbauunternehmen sagt: „Wir werden es sowieso fördern.“
DIE WUNDEN DER ERDE
Jemand aus der bildenden Kunst macht mit Satellitenfotos die „Wunden“ sichtbar, die Tagebauminen auf der Erdoberfläche hinterlassen. Vom Satelliten aus gesehen erscheint jede Grube als einzelner Punkt — am Boden aber hat sie das Ausmaß einer Katastrophe.
Die Farben werden radikal manipuliert, um das Bild malerisch wirken zu lassen. Jede Mine wird benannt, die Daten stammen aus dem Atlas der Umweltgerechtigkeit. Der Produktionsprozess selbst ist ‚verrückte Arbeit.
Tote Landschaften: Das Entfernen des Oberbodens hinterlässt kahles Gelände. Toxische Abfallteiche: Reservoirs chemischer Abfälle. Der Dammbruch von Bento Rodrigues in Brasilien 2015 hat den Rio Doce auf Hunderten von Kilometern vergiftet. Während die Lagerstätten an Land erschöpft werden, verlagert sich die Förderung auf den Meeresgrund — Inselstaaten wie Papua-Neuguinea verkaufen Rechte für den Bergbau am Meeresboden. Ozeane werden nicht nur als Förderstandorte, sondern auch als Endlager für Kohlendioxid ausgewiesen — die Ozeane der Zukunft als Mülldeponie des Kohlenstoffs.
Zeitgenössische Kunst konzentriert sich intensiv auf politische Inhalte, geht aber kaum auf Umweltprobleme ein. Diese Lücke ist die Motivation für die Arbeit. Die Ästhetisierung der Katastrophe ist gewollt — sie zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich, enthüllt dann den darunter liegenden Schrecken. Das Unbehagen zwischen „schön“ und „giftig“ wird bewusst erzeugt.
Eine zweite Serie besteht aus Panoramen, die aus Katastrophenbildern der Medien zusammengesetzt sind — Kriege, brennende Gebäude, schmelzende Gletscher. Diese zusammengenähten Bilder schaffen versunkene Welten, bombardierte Landschaften, apokalyptische Kompositionen. Sie beziehen sich auf Klimazukünfte — London unter Eiszeitbedingungen zum Beispiel. Der Wechsel vom Wirtschaftsstudium zur Kunst ist hier kein Bruch, sondern eine andere Form des Bemühens, unsichtbar gemachte Systeme sichtbar zu machen. Infografiken, Diagramme, Tabellen, Fotografien, Video — die Werkzeuge ändern sich, aber alle durchlaufen umfangreiche Forschungs- und Archivierungsprozesse.
SOMA BEDEUTET KÖRPER
Jemand aus dem Tanz vertritt die Auffassung, dass der Körper das primäre politisch-ökologische Terrain ist. Der eigene Weg, der mit Ballett begann und sich zur somatischen Praxis entwickelte, ist die Geschichte eines Übergangs von zielorientierter technischer Perfektion zu körperlichem Bewusstsein. Der Körper wird in drei verschiedenen Registern behandelt: als Geist, als Psychologie, als kinästhetische Weisheit.
Der Tänzer arbeitet eigentlich auch in einer dunklen Umgebung, um das Erz in sich selbst zu fördern. Der Bergmann arbeitet auch unter der Erde. Um ein Erz zu erreichen, das er nicht kennt.
Bergbau und Tanz sind strukturell identisch: Beide extrahieren Wert aus Körpern, beide verbrauchen Körper schnell, beide stehen auf den Listen der „schlechtesten Jobs“ weit oben. Der Bergmann steigt in die Tiefe hinab, auf der Suche nach Erz; der Tänzer arbeitet im Dunkeln, auf der Suche nach Wahrheit. Der Raum, in dem der Bergmann wie der Tänzer arbeitet, heißt „Salon“.
Die Verbindung zum Bergbau entsteht durch eine zufällige Entdeckung. Auf einer Reise zu einem Theaterworkshop in Çanakkale kommt es zu einer Begegnung mit einem Bergbauingenieur: „Können wir in der Mine improvisieren?“ Die Gruppe steigt in die Mine hinab, findet eine große Hohlkammer, führt eine intensive zweistündige Improvisation durch. Dann meldet der Ingenieur, dass an genau dieser Stelle gerade eine hochwertige Silberader entdeckt wurde.
Die Soma-Katastrophe (2014) vertieft diese Verbindung. Eine Performance aus dieser Tanzpraxis — um Arbeit und Gedenken herum angelegt, mit Bergmannshelmen, die aus Soma geschickt wurden — ist ein Werk, das seit 2016 immer wieder aufgeführt wird. Zuschauer beobachten von drei Seiten und von oben — die Aufführung lässt gleichzeitig die Distanz des Blicks von oben und die Erfahrung, unter der Erde zu sein, spüren. Aber Geldgeber wollen nicht, dass der Name Soma erscheint: „Streicht Soma. Der Name Soma soll nicht einmal fallen.“ Kunstschaffende werden zur Selbstzensur gezwungen — Gedenken ist politisch gefährlich, denn sich zu erinnern heißt, das System infrage zu stellen.
Ein ökologisches Körperverständnis, das sich vom Mikro zum Makro öffnet statt vom Makro zum Mikro: Individuelle Körperdynamiken spiegeln größere sozio-ökologische Systeme. Anstrengung, Macht, Gewalt in der individuellen Bewegung — darin spiegelt sich die Gewalt der größeren Welt. Körperliche Phänomenologie begründet ökologisches Verstehen: Körper verbrauchen Energie, drücken Macht aus, registrieren Schmerz. Ohne den Übergang von individuellem Körperbewusstsein zu kollektivem Körperverständnis scheitert die Umweltarbeit im Makromaßstab.
Tanzprojekte mit verschiedenen Körpern — 150 Teilnehmende, Arbeit mit als behindert etikettierten Menschen, Workshops zu Tanz und Körperbewusstsein im Gefängnis — zeigen, dass der Körper nicht nur ein individueller Organismus ist, sondern der Brennpunkt systemischer Unterdrückung, des Widerstands und ökologischer Beziehungen. Gewaltsam geöffnete Fenster im Tanzgebäude einer Universität, der Kampf gegen giftige Raumluft von einer nahen Baustelle; ein Projekt für barfüßigen Bodenkontakt — damit die Studierenden gesund arbeiten können, brauchen sie frische Luft und Kontakt mit dem Boden.
KILOMETERWEIT GRAU
Jemand aus der Fotografie dokumentiert sechs Monate lang die Steinbrüche am Stadtrand Istanbuls. Sechzehn Steinbrüche rund um das Dorf Cebeci liegen in unmittelbarer Nähe des Alibeyköy-Stausees, einer Wasserquelle Istanbuls. Täglich wird Dynamit gezündet — Staubwolken, die 20–25 Minuten stehen, zerbrochene Fenster, rissige Wände.
Das Grau herrscht vor, so weit es nur geht; schwarz-weiß zu fotografieren ist nicht einmal nötig. Grün sieht man nur an Stellen, die von der Ausdehnung der Steinbrüche verschont geblieben sind.
Aber Soma ist ein anderer Maßstab: „Man fährt Kilometer und Kilometer und Kilometer. Kein Grün.“ Ständig brennende Kohle — nicht nur Kohlenstaub, sondern aktive Verbrennung. Ein ständiger Dunst aus Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Jeden Tag sind dort 40.000 Arbeiter im Einsatz; wer zehn Tage dort arbeitet, landet vier bis fünf Tage auf der Krankenstation. Lkw-Reifen mit zwei bis zweieinhalb Metern Durchmesser — der Maßstab ist wirklich erschreckend.
Eine Reise, die mit der Dokumentation der Dritten Brücke beginnt, erstreckt sich auf die Dokumentation des Dritten Flughafens und von dort auf den Stadtumbau in ganz Istanbul. Istanbuls „schöne“ neue Gebiete — der Umbau von Bomonti, das Hilton-Viertel — wachsen zeitgleich mit dem ökologischen Kollaps der Steinbruchgebiete empor. Die Stadt verschönert sich selektiv und zerstört dabei ihre ökologische Kapazität. „Wir haben die Sache bemerkt. Was können wir tun, was können wir tun“ — Hilflosigkeit angesichts des Ausmaßes führt zu Eingriffen im Kleinen: Projekten für barfüßigen Bodenkontakt, Begrünung mit Schablonen.
ALLE WUSSTEN ES
In Soma funktionierte das System „korrekt“. Alarmsysteme funktionierten. Alle — Arbeiter, Ingenieure — kannten das Risiko und hatten es akzeptiert. Nicht individuelle Fahrlässigkeit, sondern strukturelle Tragödie. Die Arbeiter gingen das Risiko „wissentlich“ ein — weil es keine andere Wahl gab. Landwirtschaft war absichtlich zerstört worden, ländliche Bevölkerungen zum Bergbau und zur Bauwirtschaft als einziger Option gedrängt worden.
Es ist etwas, das ich sehe und fühle — dass die neoliberale Hegemonie uns auf irgendeine Weise alle in gewissem Maße infiziert hat, unsere Gehirne ein wenig angenagt hat.
Die 301 Toten veränderten das nationale Bewusstsein — Soma wurde zum Schlüsselwort der Türkei für Opfer und Tragödie. Aber das kollektive Gedächtnis verblasst schnell. Bis zum zweiten Jahrestag hatten Solidaritätsveranstaltungen abgenommen. Danach kam es zu sechs weiteren Bergbaukatastrophen; jede fand kaum Beachtung. Ist die Zahl der Toten zwei- oder dreistellig, wird es zur Nachricht; ist sie einstellig, geht es lautlos vorüber. Dieses Vergessen ist strukturell — es dient den Bergbauinteressen. Wird das Gedenken nicht als politische Praxis aufrechterhalten, normalisiert das System das Vergessen.
Auch was in Soma geschehen ist, dauert noch an. Familien leben mit Trauma, wirtschaftlicher Verwüstung, Trauer. Die Komplexität der Trauer — 301 Familien, jede mit einer anderen Entschädigung — hat Risse innerhalb der Gemeinschaft geschaffen. Die Mystifikation der Arbeits-Natur-Beziehung ist hier am nacktesten sichtbar: Wärmekraftwerke verbrennen Kohle, heizen Städte, angeblich für das Wohl der Bürger — aber in Wirklichkeit für Unternehmensgewinne. Arbeiter opfern ihre Gesundheit und ihr Leben. Die Rhetorik des „Nicht-Frierens“ maskiert die tatsächliche Machtverteilung.
Wenn man ohne Alternativen „ich will das nicht“ sagt, ist die Chance gering, dass der Kampf einen langen Atem hat. Echter Widerstand besteht nicht nur darin, bestimmten Minen entgegenzutreten, sondern Alternativen aufzubauen. Die türkische Landwirtschaft wurde absichtlich zerstört — das Leben von Menschen, die bis vor zwanzig Jahren viel glücklicher und zufriedener von der Landwirtschaft lebten, hat sich verändert. Dieser Prozess, der ländliche Bevölkerungen zum Bergbau und zur Bauwirtschaft als einziger Option gedrängt hat, bricht auch die Kraft zum Widerstand: Die Menschen wissen, dass der Bergbau zerstörerisch ist, sagen aber: „Meine Familie muss von etwas leben“; wirtschaftliche Verzweiflung wird systematisch ausgenutzt.
Die Landwirtschaft wieder zu einer Lebensgrundlage zu machen, wirtschaftliche Alternativen zu schaffen — auch das muss Widerstand einschließen. Individuelle Verbraucherentscheidungen sind unzureichend; strukturelle Transformation ist notwendig. Das Olivengesetz ist heute das einzige Hindernis, das der Ausweitung des Bergbaus in der Türkei im Weg steht. Die Bergbaukonflikte in den Kaz-Bergen erinnern uns immer wieder an die Bedeutung dieses Gesetzes.
Diese Sitzung steuert auf ein konkretes Ergebnis zu: im Sommer mit einem gemischten Team — akademisch, künstlerisch, aktivistisch — nach Soma zu gehen. Ein experimentelles Engagement ohne vorab festgelegten Ausgang. Bewusste Langsamkeit. Anhaltende Präsenz — keine einmalige Intervention. Denn die Trauer ist komplex: 301 Familien, jede mit einer anderen Entschädigung — Risse sind entstanden. Das Ereignis ist nicht abgeschlossen.
Keine einzelne Disziplin erfasst die Komplexität des Bergbaus allein. Die Ökonomie zeigt das Gewinnmotiv, die Ökologie die Umweltkosten, die Arbeitsforschung die Lage der Arbeiter, die Geschichte regionale Entwicklungslinien; die Kunst macht sichtbar, was die Analyse abstrahiert. Wirksamer Widerstand erfordert gleichzeitiges multiperspektivisches Engagement. Fast jeden Steinbruch und jede Bergbaustätte in den Kaz-Bergen abzugehen, Berichte in Soma zu erstellen, Feldforschung von Zentralasien bis Ecuador zu betreiben — das akademische, das aktivistische und das künstlerische Feld werden zugleich bespielt.
Die Sitzung zum Bergbau bietet ein Modell dafür, wie intellektuell-künstlerisch-aktivistische Zusammenarbeit in der Praxis funktioniert: nicht hierarchisch, nicht abgeschottet, nicht körperlos, nicht resigniert. Obwohl die Sitzung eine gewaltige Ungerechtigkeit dokumentiert, mündet sie in eine konkrete Projektplanung; die Teilnehmenden haben sich einem dauerhaften Engagement verschrieben. Das heißt, in dunklen Zeiten zu arbeiten und dabei dem Dunkel ins Gesicht zu sehen.