birbuçuk

Solunum (Atmen) Programm I — 2017–2019
Solunum (Atmen) Programm I — 2017–2019 28. April 2018

GESCHLECHT

Ökologie und Geschlecht, Ökofeminismus, Sorgearbeit

Teilnehmende: Fatma Gül Berktay, Eylem Çağdaş Babaoğlu, Elif Arığ, Eda Gecikmez, Can Candan, Sena

Moderation: Serkan Kaptan, Yasemin Ülgen, Ayşe Ceren Sarı

Als birbuçuk-Projekt hielten wir unsere siebte Sitzung zum Thema Geschlecht ab. 28. April 2018, Studio-X Istanbul. Die aus dem Gespräch verbliebenen Sätze — offen für Reflexion und Verwendung — wurden von uns redigiert. Nach dem Vorbild wissenschaftlicher Aufsätze haben wir es vorgezogen, den Sitzungstext als kollektive Produktion zu präsentieren. Die Identitäten der Teilnehmenden sind zu Beginn vermerkt; zugunsten des Leseflusses wurden die Stimmen anonymisiert und in kollektive Rede überführt.

RHIZOM

Wie der Aufbau des Ingwers. Etwas, das sich unter der Erde von selbst vermehrt. Jedes Wurzelstück wird zugleich zu einer zentralen Wurzel, und auch diese vermehrt sich. Selbst wenn ein Stück abreißt, wächst es weiter, in seinem eigenen Rhythmus. Diese Metapher von Deleuze und Guattari — das Rhizom — ist die Grundlage des Arbeitsmodells von birbuçuk und bildet auch den Boden der Sitzung zum Thema Geschlecht.

Wir glauben an die Einheit des Wissens. Dass nach den 1980er Jahren jedes Wissen in seine eigene Disziplin gezwängt wurde, ist falsch. Kunst, Wirtschaft, Ökologie, Soziologie, Philosophie — diese sollten an ihren Schnittpunkten besprochen werden.

Geschlecht ist eine der bestimmendsten Fragen in dieser ganzheitlichen Perspektive. Es ist nicht nur die Beziehung zwischen Frau und Mann. Es betrifft alle Beziehungen, in denen Energie und Macht verteilt werden. Ökologie, Wirtschaft, Geschlecht sind untrennbar — sie liegen im Herzen des sozioökonomischen Metabolismus. Wie Menschen und Gemeinschaften sich zu ihrer Umwelt verhalten, wie sie sich organisieren, wie Energie aufgenommen, verarbeitet und ausgegeben wird — das sind auch Geschlechterfragen. Nach den 1980er Jahren wurde jede Wissensform in ihre eigene Disziplin eingesperrt — Kunst, Wirtschaft, Ökologie, Soziologie, Philosophie wurden in separate Schachteln gesteckt. Diese Sitzung ist dazu da, jene Schachteln aufzubrechen.

Diese Sitzung ist ein geschlossenes, vertrautes Treffen, das anstelle eines akademischen Panelformats dem Teilen persönlicher Geschichten, Erfahrungen und Gedanken den Vorrang gibt. Politikwissenschaft, Ökonomie, Kunstmanagement, Aktivismus, Kunst und Film am selben Tisch — Undisziplinarität ist kein Mangel, sondern eine bewusste Wahl.

PERIODEN DER NIEDERLAGE

Eine Stimme, die 1968 Studentin in Ankara war, nach dem Putsch vom 12. März zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß, dann zehn Jahre im linken Spektrum als Übersetzerin und Redakteurin arbeitete, spricht von der Enttäuschung der Erfahrung, eine Frau in der Linken zu sein. Die feministische Theorie zu entdecken heißt, dass im Kopf alles an seinen Platz rückt.

Ich entdeckte die feministische Theorie. Als ich die feministische Theorie entdeckte, war ich erleichtert. Also, in meinem Kopf rückte alles an seinen Platz.

In den Perioden des 12. März und des 12. September standen wir einem „bestimmten“ Staat, einer bestimmten politischen Macht gegenüber. Heute ist die Lage weit uneindeutiger — wir befinden uns im Prozess der Errichtung des Totalitarismus. Polarisierung, Feindschaft zwischen Nachbarn und Geschwistern: Hannah Arendts Analyse des Totalitarismus ist heute aktueller denn je. Die Angst vor dem Unbekannten, der Umstand, dass diese Macht sehr klug konstruiert ist — es gibt eine neue Situation, und unsere Köpfe können keine Antworten hervorbringen, die dieser neuen Situation gerecht werden. Zehn Jahre in der Linken als Übersetzerin und Redakteurin zu arbeiten, Bücher drucken zu lassen — das waren wichtige Arbeiten, aber die Erfahrung, eine Frau in der Linken zu sein, war eine andere. Die Frauenfrage wurde immer auf „später“ verschoben. Ein Masterstudium in Frauenforschung in England wurde zu einem Schritt, der diesen Bruch vertiefte — als sich der akademische Rahmen mit gelebter Erfahrung verband, entstanden Werke wie das Buch „Die Welt auch heute lieben“.

Die Vergleiche mit dem 12. September finde ich oberflächlich; sie haben damit zu tun, dass man die Situation nicht begreift. Es gibt eine ganz neue Situation in der Türkei, und unsere Köpfe können keine Antworten hervorbringen, die dieser neuen Situation gerecht werden.

Aber Perioden der Niederlage sind nützlich für die Selbstprüfung von Bewegungen. Die Frauenbewegung begann 1983 genau in einer solchen Niederlageperiode — viele Dynamiken kamen zusammen, Frauen fanden einander. Eine neue Entdeckung und Begegnung: das Ende einer Periode kann mit dem Beginn einer anderen schwanger gehen. Die Geschichte ist voll solcher Perioden — andere Dinge waren immer möglich. Hoffnung tragen, sich an die Bedeutung des öffentlichen Raums erinnern: eine Zeit lang bestimmten wir die Agenda, auch ohne zahlenmäßige Mehrheit setzten wir beinahe die Themen. Die Klimakrise und der Krieg — diese zwei großen globalen Dynamiken können uns auf eine „Ebene der Menschheit“ bringen. Dass große Traumata die Menschheit vereinen, wie bei der Gründung der Vereinten Nationen, bleibt eine Möglichkeit.

SIND DIE STRASSEN BLOCKIERT?

Sind die Straßen nach Gezi blockiert? Können Künstler:innen und Aktivist:innen in einer Zeit, in der der Staat die Deckung hochgenommen hat und Terror und Trauma die Straße verschlossen haben, andere Praktiken entwickeln?

Wir wurden von den Straßen vertrieben, aber die Straßen sind wichtig. Die Kinder, die bei Gezi starben, die Traumata... Die Dynamiken haben sich nach Gezi verändert.

Die feministische Bewegung ist die Bewegung, die noch auf die Straße gehen kann — vierzigtausend Frauen marschieren am 8. März. Das ist nicht zu unterschätzen; in einer Periode, in der viele Bewegungen sich von den Straßen zurückgezogen haben, steht die Frauenbewegung dort weiter. Femizide, erzwungene Kinderehen, sexuelle Gewalt — Straßenaktionen bleiben das stärkste Mittel dagegen. Aber jenseits der Straße gibt es auch andere Räume — und diese Räume sind keine Alternativen zur Straße, sondern ihre Ergänzungen.

Jemand, der an einer Universität lehrt, öffnet den eigenen Kurs für die Öffentlichkeit: Stadtteilverband, Soziologie, Philosophie, Architektur, Innenarchitektur, Stadtplanung beisammen. Keine Hierarchie, Dialoge werden aufgebaut. Die Komfortzone stören — Begegnungen mit Menschen erleben, die uns fremd sind. Kunst übernimmt hier eine alternative Rolle: sie sickert durch indirektes Erzählen dorthin ein, wohin der direkte politische Diskurs nicht gelangt. Dokumentarfilme, Bilder, Symbole — ein Datennetzwerk, das sich von Kindermorden bis zur Klimakrise erstreckt.

Lebende Bibliotheken: die Entdeckung, dass die Person, die man „den Anderen“ nennt, eigentlich jemand wie man selbst ist. Verlernen geschieht so. Außerhalb der Polarisierung kommunizieren, Gegenöffentlichkeiten schaffen, die Commons tatsächlich leben. Kleine Netzwerke — den Kontakt zum Laden an der Ecke, zu den Geschäftsleuten im Viertel stabil halten. Wenn wir diesen Kontakt an der Basis lebendig halten, bewahren wir das Potenzial. Wenn wir in unseren eigenen Räumen bleiben, reden wir immer nur untereinander — wir sind bereits Menschen, die einander überzeugt haben. Die eigentliche Frage ist die Begegnung mit dem, was uns fremd ist. Die Komfortzone stören, nicht-hierarchische Räume schaffen — Lehrende, die ihren Kurs für das Viertel öffnen, Kunstschaffende, die ihr Atelier auf die Straße tragen. Die Risse, die sich in diesen Begegnungen bilden, können dauerhafter sein als große Brüche.

KÖRPER UND SYMBOL

Jemand aus der Kunst, 1982 in Istanbul geboren, aber mit sechs Monaten nach Saudi-Arabien gebracht, zwölf Jahre in Dschidda. Der Vater Ingenieur, die Mutter in der Finanzwelt, die Familie matriarchal und feministisch — aber draußen lastet das Gewicht der Scharia. Mit Kinderaugen beobachtet, wie sich die weibliche Identität beim Hin und Her zwischen Istanbul und Dschidda veränderte, dann ein Studium der Bildenden Kunst in London; in der Zeit um den 11. September die einzige Person muslimischer Herkunft in der Klasse. Heute Tätowieren, Malerei, Druckgrafik, Ton-Papier, Kalligrafie — jedes eine eigene Ausdrucksform. Im Mittelpunkt stehen Symbole: Vulva, Gebärmutter, Licht, Zahlen, Lebenssymbole — nicht allzu direkt, in heilender Absicht.

Ich bin jemand, der viele Symbole verwendet. So codiere ich meine Werke. Ich beschäftige mich mit Symbolen, Zahlen. Die einfachsten Lebenssymbole, wirklich.

Kindermorde, die Frage der Kinderbräute, Vergewaltigung und sexuelle Gewalt — das sind keine Nachrichten auf Seite zwei. Die Gruppenvergewaltigung durch 29 Personen in Mardin, die drei Goldbarren im Prozess um den Garipoğlu-Mord — jedes davon wird zu einem Kunstwerk. Die Serie „Pembe Terörist“, das Projekt „Aussteuer“ — ein 36-teiliges Tellerset, präsentiert wie eine Aussteuerdecke, doch in ihm sind Schichten von Gewalt gegen Frauen codiert.

Produzieren in der Absicht, zu schützen, Schutz zu finden, zu stärken — Kunst ist hier irgendwo zwischen Zeugenschaft und Heilung. Die Geschichten von Sexarbeiter:innen, die Gebärmutter-Skulptur — das sind keine ästhetischen Präferenzen, sondern Formen, unsichtbar gemachte Gewalt sichtbar zu machen.

Das Konzept der forensischen Architektur wird diskutiert: die Macht der Kunst, als Beweismittel vor Gericht präsentiert zu werden. Die Handwerksarbeiten der indigenen Völker bei Standing Rock, forensische Architektur — künstlerische Daten werden zu juristischen Daten. Die Karadul/Night-Bloomers-Serie macht die unsichtbar gemachten Leben von Sexarbeiter:innen sichtbar. Vandana Shivas Saatgutbanken, Biodiversität — der Krieg zwischen lokalem Saatgut und Saatgutpatenten ist mit der Geschlechterfrage verflochten. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Patentierung von Saatgut und der Kontrolle des weiblichen Körpers ist kein Zufall.

MEIN KIND

1969 in Istanbul geboren, Kindheit in Bursa, ein Beamtenkind — Ungleichheit und Geschlechterdynamiken früh vor Augen. Sieben Jahre im Internat am Robert College, Erfahrungen mit alternativer Bildung am Hampshire College, ein Weg von der Soziologie an der Boğaziçi bis zu Film- und Medienkunst in den USA: jemand, der Regie führt und im Dokumentarfilm ein Instrument des sozialen Wandels sieht. „Mauern“ über die Berliner Mauer, „3 Stunden“, ein Dokumentarfilm über die Universitätsaufnahmeprüfung ÖSS, und „Nükleer Alaturka“ über die Atominvestitionen der Türkei — Akkuyu, Sinop, ein laufendes Projekt. Einem abendfüllenden Dokumentarfilm über die Erfahrungen von Eltern mit LGBTI+-Kindern gelingt genau dieses Verlernen. Wenn Mütter und Väter, deren Kinder LGBTI+ sind, in die Kamera sprechen, hören sie auf, „der Andere“ zu sein und werden zu Eltern, die jeder erkennen kann. Das ist die Macht des Dokumentarfilms: in dem Moment, in dem man erkennt, schließt sich die Distanz.

Wenn Sie jetzt nicht produzieren, wann wollen Sie dann produzieren?

Dieselbe Person hat zudem aus erster Hand erlebt, wie Institutionen die Frage sexueller Belästigung unterdrücken. Fünf Jahre Lehre an einer Stiftungsuniversität, der Aufstieg zur Leitung des Fachbereichs — dann das Eingreifen bei sexueller Belästigung, die drei Opfer erlebt hatten. Unter dem Druck der Universitätsleitung folgt der Rücktritt. Der Reflex der Institution ist klar: nicht das Problem lösen, sondern die Person zerstören, die es aufgedeckt hat. Diese Erfahrung ist die konkreteste Form der Akademie-Aktivismus-Spannung: wenn man in echte Probleme eingreift, wirft die Institution einen hinaus. Eine andere Stimme fügt hinzu:

Ich zum Beispiel war Anfang zwanzig jemand, der mit der Polizei aneinandergeriet. Aber selbst jetzt, wenn ich zurückblicke, gibt es ein Fragezeichen, eine Angst auch in mir selbst.

Die Person hinter diesen Filmen verbringt zwei Jahre an der Sabancı-Universität, ist seit 2007 an der Boğaziçi — und schafft es, zusammen mit dem Club für Frauenforschung eine Kommission zur Prävention sexueller Belästigung einzurichten. Aber auch dafür sind jahrelange Kämpfe nötig. Institutionelle Strukturen widerstehen dem Wandel; Errungenschaften sind nur durch anhaltenden, kollektiven Druck möglich. Universitäten sind gleichzeitig ein Atemraum und ein Unterdrückungsinstrument — dieser Widerspruch ist die strukturelle Realität des akademischen Lebens in der Türkei.

LGBTI+-Aktivismus hat ebenfalls eine ähnliche Reise durchgemacht. Ein Weg, der 2001 in der Soziologie an der Universität Istanbul begann — die anarchistische Bewegung, die feministische Bewegung, die Plattform gegen den Irakkrieg, Lambda Istanbul. Marschieren 2005 beim Istanbul Pride 300–400 Menschen, so sind es in den folgenden Jahren Zehntausende — und dann kommt das Verbot. Ein Beratungstelefon wird eingerichtet, 10 Bücher werden übersetzt, man arbeitet rund um das Konzept des Heterosexismus. Acht Jahre Sozialarbeit bei der Stiftung zur Entwicklung der Humanressourcen — was man im Feld lernt, ist anders als was man aus Büchern lernt. Der Übergang von der Straßenaktion zur theoretischen Arbeit ist kein Verlust, sondern eine Vertiefung. Unabhängig forschen, Gewerkschaftsarbeit, Übersetzen — jedes für sich eine Form des Kampfes. Wir müssen unsere Existenz bewahren, um kämpfen zu können — sich selbst zu schützen ist mindestens so wichtig wie Widerstand.

Bei jedem Panel, an dem ich teilnahm, machte ich Notizen. Ich hatte die Gelegenheit, Artikel daraus zu machen.

Klassische Linksparteien wurden als „träge und entfremdend“ empfunden — Orte der Zivilgesellschaft werden bevorzugt. Nach Gezi stieg das Prestige des Aktivismus, aber gleichzeitig vertiefte sich auch das Trauma. Die Identitätsfrage taucht auf: wenn Politik durch Identität betrieben wird, ist es keine Politik mehr — aber wenn man angegriffen wird, muss man seine Identität verteidigen. Das Gefühl, dass wir als ein Staubkorn im Universum vergehen werden, macht pessimistisch — aber selbst in diesem Pessimismus geht die Bedeutung, sich zu verteidigen und zu versuchen zu existieren, nicht verloren. Sich nicht als Frau zu definieren, aber sich einer „beigebrachten“ Identität zu stellen — Patriarchat und Heterosexismus werden gewiss fallen. Die, die sagten, die Erde sei rund, wurden auch einmal als verrückt bezeichnet — diese Überzeugung ist keine Naivität, sondern eine aus Erfahrung destillierte Entschlossenheit. Globale Verbindungen werden gezogen: von der Sicht der Zapatisten auf Ökologie und Land bis zum Verhältnis von Paramilitarismus und Neoliberalismus in Kolumbien, vom Zusammenhang zwischen Dürre und Klimakrise bis zu den historischen Wurzeln des Heterosexismus. Jede Verbindung erinnert daran, dass der Kampf nicht lokal ist.

DAS RECHT AUF WOHNRAUM UND DIE NATUR DES KINDES

Eine Reise, die sich von Antalya nach Kirgisistan, ins Alakır-Tal, nach Çıralı erstreckt: Wohnraum ist ein Grundrecht. Wir kamen als Menschen auf die Welt — Essen, Trinken und Wohnen sind unsere Grundrechte als Lebewesen. Inwieweit können wir diese schützen?

Ich habe immer versucht, mein Kind nicht zu codieren. Ich habe immer geglaubt, dass es wirklich... dass unsere Natur von Geburt an weiß, was wir wollen und was uns glücklich und in Frieden macht.

Ökologische Lebenspraxis im Alakır-Tal, Hausbau aus Erde, die Kämpfe gegen Wasserkraftwerke — das sind keine abstrakten Konzepte, sondern gelebte Erfahrungen. Fünf Jahre in einer staatlichen Schule in Kirgisistan, Kommunikationsausbildung, dann die Entscheidung, sich im Tal in Antalya niederzulassen. Der Große Anatolische Marsch — 40 Tage von Antalya nach Ankara, schwanger marschieren — ist der körperliche Ausdruck des Rechts auf Wohnraum, des Einstehens für Land und Wasser. Das Leben in Çıralı, die Tochter kommt in die Grundschule — die Suche nach alternativer Bildung ist jetzt eine konkrete Notwendigkeit, keine abstrakte Diskussion.

Kindererziehung wird in diesem Kontext neu gedacht. Das Schulsystem oder alternative Bildung? Bewohnbare Räume, in der Gesellschaft, aber frei. Die Kraft der Kinder, sich in der Natur zu sozialisieren — der Versuch, die Erde jenseits der Worte zu verstehen.

Ich meine, worüber reden wir? Es gibt Dinge mit sehr großer Dringlichkeit für die Welt selbst, aber all diese Identitäten, Geschlechter, Grenzen, Länder, Politiker usw. — sie fliegen alle davon.

Die Spannung zwischen individueller Aktion und sozialer Bewegung nimmt hier ihre konkreteste Form an: das für ein Kind geschaffene Leben ist gleichzeitig ein politischer Akt. Drei Häuser wurden in Alakır gebaut — aus Erde, per Hand, mit einer Absicht. Das zweite: allein mit dem Kind. Eine Begegnung mit Vandana Shiva, Saatgutbanken, die Biodiversitätsfrage — das sind verschiedene Dimensionen des Rechts auf Wohnraum, des Rechts auf den eigenen Körper, des Einstehens für das Land. Die Frage, was aus diesen Kindern wird, ist die Frage der Zukunft — die neue Generation könnte mit dem Internet bewusster sein, ein universelles Bewusstsein aufbauen.

ROTE KARTE UND DIE STADT

Ein künstlerischer Weg von Kartal in Istanbul über das Anatolische Gymnasium, von Marmara nach Mimar Sinan, von Spanien bis nach Beirut, geformt von der Transformation der Stadt und der Beziehung zwischen Körper und Raum. Beteiligung an Kunstinitiativen wie dem Apartment Project, Arbeit mit der Gruppe Rote Karte — Frauen, die im Kunstbereich arbeiten — Konfrontation mit den Manifestationen des Sexismus in der Kunstwelt.

Ein Atelier in Tarlabaşı, kritische Gemälde gegen Zaha Hadids Kartal-Projekt, die Ausstellung ‚Wo das Feuer fällt‘ — 131 Künstler:innen, der 20. Jahrestag der Menschenrechtsstiftung.

1984 in Kartal, Istanbul, geboren; die Aufnahme an einem Anatolischen Gymnasium war eine große Sozialisationserfahrung — Klassenunterschied, Raumunterschied, Identitätsunterschied wurden zum ersten Mal konkret gespürt. Der Wechsel vom Malereistudium an der Marmara-Universität an die Mimar Sinan, Erasmus in Spanien, ein Master in Kunst und Design an der Yıldız Teknik bei Ali Artun und İnci Eviner. 2015 Kunstresidenzen in Italien und Schweden, dann ein informeller Master an Ashkal Alwan in Beirut — jeder Schritt eine Bewegung weg vom Zentrum und eine Erfahrung der Produktion in verschiedenen Kontexten.

Das ganze Leben formt sich um dieses Bewusstsein. Kunst schafft durch die Kraft indirekten Erzählens alternative Öffentlichkeiten — sie sickert dorthin ein, wohin der direkte politische Diskurs nicht gelangt. Die Ausstellung „Wo das Feuer fällt“ — 131 Künstler:innen, der 20. Jahrestag der Menschenrechtsstiftung — zeigt die Kraft der kollektiven Produktion. Aber die Frage bleibt immer offen: Kann Kunst echten Wandel schaffen, oder ist sie ein Trost? Diese Frage bleibt unbeantwortet — doch dass sie unbeantwortet bleibt, ist keine Schwäche, sondern Offenheit.

ICH HABE DIE AKADEMIE VERLASSEN

Umweltingenieurwesen und Bildhauerei — im Atelier von Mehmet Ali Uysal — Wassermodellierung und Darstellende Künste, ein Master in Niederschlag-Abfluss-Modellierung an der Boğaziçi und von dort zur systemischen Modellierung ökologischer Systeme, Genossenschaftsgründung und Dokumentarfilmproduktion — in einer Person vereinte Wege, die Geschichte des Schritts aus der Akademie.

Ich habe die Akademie verlassen. Ich hatte ohnehin angefangen, sehr wenig zu produzieren. Ich hatte gemerkt, dass auch meine Neigung zu lernen nachgelassen hatte.

Nach Ankara ziehen und in einer Fabrik im organisierten Industriegebiet Sincan arbeiten — mit dem Körper lernen, was Produktion bedeutet. Zurück in Istanbul beschließen, ein Kollektiv zu gründen, das auf einer Wohngemeinschaft beruht. Filmproduktion — Kurzfilm, Dokumentarfilm — Darstellende Künste, „gesprochenes Wort“-Performances, Arbeiten mit Hazavuzu Kumpanyası, Bildende Kunst im oddviz-Kollektiv, Genossenschaftsarbeit, das Neue Diaspora-Netzwerk — alles Felder, die außerhalb der Akademie gefunden wurden, jedes eine Welt, die nach ihrer eigenen Logik funktioniert. Das Unvermögen der Akademie, die Komfortzone zu stören, die Tatsache, dass der draußen betriebene Aktivismus lebendiger ist als die drinnen geleistete Produktion — diese Spannung hallt durch viele Stimmen in der Sitzung.

Jemand, der vier Jahre im Staatssekretariat für Umwelt gearbeitet hat, erzählt, bei der Entdeckung der feministischen Theorie Erleichterung gespürt zu haben. Die als politische Gefangene im Gefängnis verbrachten Jahre, die Enttäuschung, eine Frau in der Linken zu sein, die bürokratische Erfahrung im Staatssekretariat für Umwelt — alles gewinnt Bedeutung, wenn es sich mit einer feministischen Perspektive verbindet. Das Buch „Die Welt auch heute lieben“ ist die Kristallisation dieser Perspektive.

Das Projekt Şehveti Bostan — şehvet, nicht şevket — umfasst sichere, sich selbst versorgende Lebensräume für Frauen und queere Menschen, die Gewalt erfahren, Erinnerungswälder und die Praxis, für ermordete Freund:innen Setzlinge zu pflanzen. Der Mord an Transfrauen wie Hande Kader macht dieses Projekt dringend. Die konkretisierte Form der Begehrenspolitik: Fürsorge und Erinnerung gegen Gewalt stellen, Kultivierung gegen Zerstörung.

Die vor Gezi gegründete Ökofeminismus-Gruppe hat diese Verbindung hergestellt — Ökologie und Feminismus sind zwei Seiten desselben Kampfes. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Unterwerfung der Natur und der Unterwerfung des weiblichen Körpers ist nicht zufällig, sondern systemisch. Kapitalismus, Patriarchat und ökologische Zerstörung schöpfen aus derselben Wurzel — diese Analyse ist keine akademische Abstraktion, sondern das Wissen der Hände, die in Şehveti Bostan Setzlinge pflanzen. Erinnerungswälder — jeder für ermordete Freund:innen gepflanzte Setzling zugleich Trauer und Widerstand, Verlust und Ergrünen.

AN EINEM MULTIDIMENSIONALEN ORT

Das Schlusswort der Sitzung ist das Anerkennen der Multidimensionalität.

Wir sind wirklich an einem sehr multidimensionalen Ort. Und man muss versuchen, jeder Dimension bewusst zu sein, denke ich. Wenn jeder sich gut um eine Sache kümmert, werden viele Lösungen produziert.

Der Pessimismus hat seine Gründe: der Aufbau des Totalitarismus, Polarisierung, das Blockieren der Straßen, Trauma. 12. März, 12. September, Gezi — jeder ein Bruch, jeder eine Wunde. Aber die Hoffnung schläft nicht. Die Möglichkeit, dass große Traumata die Menschheit vereinen — die Klimakrise und der Krieg können uns auf eine „Ebene der Menschheit“ bringen, wie bei der Gründung der Vereinten Nationen. Die neue Generation ist mit dem Internet bewusster. Patriarchat und Heterosexismus werden gewiss fallen — diese Überzeugung zu tragen ist keine Naivität, sondern eine Form des Widerstands.

Das wird ganz sicher geschehen. Auch die, die einst sagten, die Erde sei rund, hat man verrückt genannt. Ich will hoffen, dass es ganz sicher geschehen wird.

Die Stimmen, die in dieser Sitzung zusammenkamen — aus Politikwissenschaft, LGBTI+-Aktivismus, ökologischer Lebenspraxis, feministischer Kunst, Dokumentarfilm und Gewerkschaft — sind Menschen, die die politischen Momente der Türkei durchlebt haben, Wege vom 12. März bis Gezi, von Lambda Istanbul bis zum Alakır-Tal gegangen sind, die dem Totalitarismus gegenübergestanden haben, ohne sich zu ergeben. Die Frage — Kunst oder Straße, Akademie oder Kollektiv? — ist eine falsche Frage. Wie ein Rhizom: ein Netz, das sich unter der Erde von selbst vermehrt, in dem jeder Teil zur zentralen Wurzel werden kann und das weiterwächst, auch wenn es abreißt. Undisziplinarität ist kein Mangel, sondern eine Seinsweise. Ökologie, Geschlecht, Kunst, Organisation — das sind keine separaten Kämpfe, sondern verschiedene Dimensionen desselben Kampfes. Die Hand, die eine Saatgutbank gründet, und die Hand, die Gewalt in ein Tellerset codiert, das Auge, das einen Dokumentarfilm dreht, und das Auge, das ein Haus aus Erde baut — alle sind Knotenpunkte desselben Netzwerks. In jeder dieser Dimensionen zu arbeiten ist das Bedeutsamste, was in dunklen Zeiten getan werden kann.