ENERGIE
Energiepolitik, fossile Abhängigkeit, Energiegerechtigkeit
Teilnehmende: Sevil Acar, Hande Paker, Pınar Demircan, Gökçe Erhan, Cem Dinlenmiş, Sinem Dişli, Burcu Perçin
Moderation: Serkan Kaptan, Yasemin Ülgen, Ayşe Ceren Sarı
Als birbuçuk-Projekt hielten wir unsere achte Sitzung zum Thema Energie ab. 26. Mai 2018, Studio-X Istanbul. Die aus dem Gespräch verbliebenen Sätze — offen für Reflexion und Verwendung — wurden von uns redigiert. Nach dem Vorbild wissenschaftlicher Aufsätze haben wir es vorgezogen, den Sitzungstext als kollektive Produktion zu präsentieren. Die Identitäten der Teilnehmenden sind zu Beginn vermerkt; zugunsten des Leseflusses wurden die Stimmen anonymisiert und in kollektive Rede überführt.
DIE UNSICHTBARE SCHULD
Energie erscheint als wirtschaftliches Maß — Megawatt, Barrel, CO₂-Äquivalente. Zahlen, Grafiken, Berichte. Aber hinter diesen Zahlen verbergen sich Flüsse, Schulden, Herrschaftsverhältnisse — und um diese Flüsse sichtbar zu machen, braucht es mehr als die Ökonomie: Kunst, Aktivismus, Karikatur, Fotografie, Malerei. Länder, die reicher werden, scheinen ihren ökologischen Fußabdruck verkleinert zu haben — saubere Produktion, grüne Politik, sinkende Emissionen. Aber es gibt eine unsichtbare Schuld: Während der Konsum fortbesteht, wird die schmutzige Produktion in andere Geografien exportiert. Man verschuldet sich bei China, importiert und gibt sich sauber. Das ist der Mechanismus der doppelten Hygiene — das Bild sauber, die Wirklichkeit schmutzig.
Länder, die reicher werden, scheinen ihren ökologischen Fußabdruck gesenkt zu haben, verlagern ihn aber in Wirklichkeit auf andere Länder. Während sie weiter konsumieren, exportieren sie die schmutzige Produktion anderswohin.
Die Türkei konsumiert seit den 1970er-Jahren über ihre Biokapazität hinaus — sie nimmt also mehr, als die Natur erneuern kann. Dies ist kein technisches Detail, sondern eine existenzielle Realität: Wir nehmen dem Land, auf dem wir leben, mehr ab, als es uns gibt. Der ökologische Fußabdruck wird in sechs Kategorien gemessen: Weide, Kohlenstoff, bebaute Fläche, Landwirtschaft, Wald, Fischproduktion — jede ein eigener Schuldenposten. Bei der Ölsuche verfügt die Türkei über keine wirtschaftlich ergiebigen Vorkommen — die Reserven liegen tiefer, die Kosten sind hoch, die Förderung ist nicht rentabel. Weil es aber keine ernsthafte Hinwendung zu alternativen Energiequellen gibt, hält die Auslandsabhängigkeit an, und Energieimporte sind die Hauptursache des Leistungsbilanzdefizits. Das Konzept der bereinigten Nettoersparnis — nationale Ersparnisse, die nicht nur das Geld, sondern auch den Verlust natürlicher Ressourcen einrechnen — zeigt, dass das Wachstumsmärchen erzählt wird, indem man das Kapital der Natur aufzehrt.
Jemand aus der Ökonomie, in einer Arbeiterfamilie in Balıkesir aufgewachsen, dessen Weg vom Bachelor in Wirtschaftswissenschaften zum Master — in einem System, in dem ein Notendurchschnitt von 2,56 zum Hindernis wird — und von dort zur Promotion, von einem Erasmus-Aufenthalt in Portugal bis zu einem Forschungsjahr in Schweden führte, stellt die Hypothese der Umwelt-Kuznets-Kurve infrage: Die Annahme, dass die Umweltverschmutzung mit dem Wachstum der Länder erst zunimmt und dann abnimmt, ist falsch. Sie nimmt nicht ab, sie verlagert sich. Die im internationalen Handel verborgenen ökologischen Flüsse sind die Wahrheit hinter dem Märchen vom sauberen Wachstum. Auch in der Forschung zur Erwerbsbeteiligung von Frauen stößt man auf ein ähnliches strukturelles Problem: Dass gebildete Frauen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, lässt sich nicht allein mit Bildung oder Kultur erklären — entscheidend ist der systemische Mangel an Betreuungsangeboten. Subventionen für fossile Brennstoffe versperren der Klimapolitik den Weg. Überall dasselbe Muster: unsichtbare Arbeit, unsichtbare Schuld, unsichtbare Kosten.
DIE SPRACHE DER KOHLE
Klimawandel ist ein abstraktes Konzept — er interessiert die meisten Menschen nicht. Das Konzept ist zu groß, zu weit entfernt, zu unklar. Aber wenn man „Kohle“ sagt, wenn man das als Gesundheitsrisiko fasst — Luftverschmutzung, Kinderasthma, Atemprobleme älterer Menschen, der Rauch aus dem Schornstein des Wärmekraftwerks — reagieren die Menschen. Man muss vom Abstrakten zum Konkreten hinabsteigen, vom globalen Konzept zu dem Kraftwerk, das in Aliağa gebaut werden soll. Nicht beim globalen Konzept, sondern bei den im Lokalen gefangenen Fragen des Alltags anzusetzen, ist der einzige Weg, Menschen zu mobilisieren.
Wenn es konkret ist, handeln die Menschen. In Aliağa soll noch ein Wärmekraftwerk gebaut werden, die Menschen hier werden krank werden — da fängt es an. Dann kann man von dort aus zum Klimawandel gelangen.
Jemand aus der politischen Soziologie, in Istanbul geboren, dessen Weg vom Bachelor in Wirtschaftswissenschaften zur Promotion in Soziologie in Kanada führte, erforscht die Beziehungen zwischen Staat, Zivilgesellschaft und Spekulationsgewinnen. Arbeitet im Fachbereich Politikwissenschaft einer Universität. Seit 2008 Forschung zu Umweltorganisationen — die Verbindung zwischen dem Kampf gegen die Kohle und Gesundheitsfragen, die Kommunikation über den Klimawandel, die Dynamiken zivilgesellschaftlicher Mobilisierung. Die Verabschiedung des Pariser Abkommens (2015) wurde für die Bewegung gegen die Kohle zu einer unerwarteten Quelle der Legitimität — 2016 bot dieser völkerrechtliche Bezugspunkt dem Kampf vor Ort eine Grundlage. Die Dürre in Konya, die welkenden Blätter der Olivenbäume — diese erzählen den Menschen mehr über den Klimawandel als das Konzept selbst. Die Türkei ist ein ökologisch sehr reiches Land — aber ebenso groß ist ihre Fähigkeit, diesen Reichtum zu verwüsten. Ökologischer Reichtum und ökologische Zerstörungskapazität leben im selben Körper. Der Diskurs des Entwicklungsdenkens ist eines der wichtigsten Hindernisse, die diesem Kampf im Weg stehen — denn das Wachstumsversprechen legitimiert die Zerstörung.
Jemand, der sich gegen das Projekt Yeşil Yol engagiert, zieht durch die Berge und versucht, die Bevölkerung zu organisieren — wird aber als „Anarchist“ wahrgenommen. Das ist das Problem der Wissensübersetzung: Die Kluft zwischen globalem theoretischem Wissen und lokaler Praxis lässt sich mit guten Absichten nicht überbrücken. Vom Konkreten ausgehen, vom Leben der Menschen ausgehen — es gibt keinen anderen Weg. Die Bewegung gegen die Kohle hat das verstanden: Nicht abstrakte Klimaziele, sondern der Satz „Die Luft in deinem Viertel wird verschmutzt, dein Kind wird krank“ ist die Sprache, die Menschen mobilisiert. Vom Persönlichen zur globalen Theorie lässt sich eine Brücke schlagen — aber ihre Pfeiler müssen im Lokalen stehen. Im Dreieck aus Staat, Zivilgesellschaft und Spekulationsgewinnen bleibt der ökologische Kampf immer am Rand — aber wenn er im Lokalen beginnt, kann der Rand zum Zentrum werden.
DIE KETTE
Kernenergie wird als Lösung für den Klimawandel präsentiert — aber das ist falsch.
Wir können Kernenergie nicht isoliert betrachten. Wir müssen sie innerhalb der nuklearen Kette denken. Von der Gewinnung des Uran-Rohmaterials bis zur Stromerzeugung, bis zum Plutonium am Ende — dieser Stoff, das Gramm zu 4.000 Dollar, wickelt die ganze Welt um den Finger.
Radioaktive Abfälle, thermische Verschmutzung, Tsunamirisiken, Stürme, Erdbeben — die Risikoliste ist lang und jeder Punkt ist ein anderes Gesicht der Katastrophe. Steigt der Meeresspiegel, stehen bei zwei Grad sechs Reaktoren unter Wasser und bei vier Grad sieben weitere — es geht um vierhundert Reaktoren, die auch abgeschaltet weiter gekühlt werden müssen. In Akkuyu selbst kennen die Verantwortlichen den Unterschied zwischen einer Tsunami-Mauer und einem steigenden Meeresspiegel nicht. Kernenergie scheint ein technisches Problem zu sein, ist aber geopolitisch, ist ein Machtverhältnis, ist eine Frage der Souveränität.
Jemand aus der Ökonomie hat zwei Jahre in Japan gelebt und war während des Erdbebens von 1999 im Friedenspark von Hiroshima. Die Fukushima-Katastrophe (2011) hat dieses Leben verändert — es folgten drei Reisen nach Fukushima, die Hinwendung zur Nuklearforschung, erste Texte für eine Nachrichtenwebsite. Heute zugleich im Promotions- und in einem zweiten Masterstudium — zu Soziologie und Zivilgesellschaft —, dazu die Koordination einer Anti-Atom-Plattform: ein Kampf in Vollzeit. Sinop, Mersin, İğneada — die türkischen Kernkraftprojekte, jedes eine eigene Risikokarte. Eine Kampagne am Schwarzen Meer — jemand namens Hüseyin rudert drei Monate lang tausend Kilometer und verwandelt den eigenen Körper in politisches Handeln. Das ist ästhetisch-politisches Handeln in seiner reinsten Form: Körper, Botschaft, Bewegung.
Nazım Hikmets Ballade von Hiroshima, in der Kindheit gehört — das Gewicht, das ein Gedicht trägt, ist Jahrzehnte später zu einem Gefühl persönlicher Verantwortung geworden. Tschernobyl und Fukushima haben diese Ballade zur Realität gemacht. Kernenergie wird als Klimalösung vermarktet, aber rechnet man entlang der gesamten nuklearen Kette nach — die Umweltkosten der Urangewinnung, der Energieverbrauch der Aufbereitung, die Jahrtausende der Radioaktivität im Abfall — geht die Rechnung keineswegs sauber auf. Die Geopolitik des Plutoniums und das internationale Lobbying zeigen, dass die Energiefrage kein technisches, sondern ein politisches Problem ist.
LEBEN OHNE ABFALL ZU ERZEUGEN
Eine Frau, in der Schwarzmeerregion geboren, deren Kindheit zwischen Schule und Landwirtschaft verlief und deren Weg von der Hilfslehrerin in einer Vorschulklasse zur künstlerischen Ausbildung an einer Universität führte, ist in ihr Dorf zurückgekehrt — allein. Als Frau allein in einem Dorf zu leben, Umweltsensibilität zum Teil des Alltags zu machen — das ist Einsamkeit und Stärke zugleich. Ihre bloße Anwesenheit gibt anderen Frauen Mut; Defizite anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen schafft Kraft.
Ich nutze Kunst als Werkzeug in meinem eigenen Leben und in der Region, in der ich lebe. Um nicht dasselbe System zu bedienen, während ich es kritisiere, musste ich zuerst in meinem eigenen Leben umsetzen, keinen Müll zu erzeugen.
Plastiktüten in künstlerisches Material verwandeln, Abfall in Ausdruck umwandeln — Musik, Performance, Malerei, eine multidisziplinäre Praxis. In ihrem Dorf wurde eine Kupferminengrube in eine Mülldeponie umgewandelt — sie organisiert eine Protestausstellung dagegen, aber nicht nur um Aufmerksamkeit zu erregen: sie schafft einen Raum zur gemeinsamen Lösungsfindung. Im Dorf wird ein Verein für Natur, Kultur und Kunst gegründet — kollektiver Kampf als zivilgesellschaftliche Organisation ist stärker als individuelles künstlerisches Handeln. Die Kinder in der Vorschulklasse hören einer Geschichte, die mit Kunst erzählt wird, besser zu — das Schönste an der Kunst ist, dass sie Menschen berührt. Aus dem System herauszutreten ist nicht nur eine individuelle Entscheidung; ein Beispiel zu sein, anderen Mut zu geben, wird zu einer Quelle kollektiver Kraft. Selbst die Anwesenheit einer Frau, die allein in einem Dorf lebt, erweitert das Mögliche.
DAS WÖCHENTLICHE RITUAL
Jemand, der seit 2006 in Humorzeitschriften eine wöchentliche Karikaturenkolumne zeichnet — zwölf Jahre ununterbrochene Routine. Die wöchentliche Karikatur ist eine Form der Aufzeichnung, die die politische Tagesordnung mit Popkultur und Beobachtungen aus der Stadt verbindet. Durch die Wiederholung ist sie nicht mehr bloß eine Kolumne in einer Humorzeitschrift, sondern wird zu einer Art Geschichtserzählung, zu einem Projekt der Aufzeichnung. Almanach-, Ausstellungs-, Kalenderformate — das Aktuelle wird zum Archiv, der Humor zum historischen Dokument.
Ökologie ist ein Bereich, der auf der allgemeinen politischen Agenda sehr wenig Aufmerksamkeit erhält. Aber es lassen sich Verbindungen herstellen: Man kann bei der Tagespolitik ansetzen und den Bogen zur Kernenergie schlagen — genau in diesen Übergängen liegt die Kunst der Karikatur. Am Filmprojekt „Nuklear auf türkische Art“ begann die Zusammenarbeit mit einem Regisseur vor etwa drei Jahren — Produktion von Visualisierungen und Infografiken, die Bedingungen in Akkuyu, die industrielle Topografie der Verteilung von Wasser- und Atomkraftwerken.
Die Figur des Stehenden Mannes — politisches Handeln mit dem Körper — zeigt, dass eine völlig andere kommunikative Kraft entsteht, wenn Performance, Text und Bild sich verbinden. Genau wie die Botschaft des rudernden Körpers in jener Schwarzmeer-Kampagne — Bewegung geht Worten voraus. Humor und politische Botschaft müssen zusammengehen — aber das ist ein sehr schwieriges Gleichgewicht. Karikaturen über Ökologie zu zeichnen ist das Bemühen, das marginalisierteste Thema der Tagesordnung ins Zentrum zu bringen. Mit anderen Disziplinen zu arbeiten ist für Nachhaltigkeit unerlässlich — die Karikatur allein reicht nicht; man muss gemeinsam mit Regie, Forschung und Aktivismus produzieren.
CEREYAN
Jemand aus der Fotokunst, in Urfa geboren, mit einem Master aus New York, arbeitet an einem seit Jahren laufenden Projekt über Wasser, Strömung und Energie — der Serie Cereyan. In Antiquariaten gesammelte alte Fotografien, Arbeiterfamilien-Negative, die bei einem Workshop auf dem Silahtarağa-Campus entdeckt wurden — Erinnerung ist das Rohmaterial der Fotografie. Die ersten Arbeiten entstanden aus diesen Archivfunden.
Die seit sechs, sieben Jahren laufende Forschung zum GAP-Projekt: der Traum, dass Harran „zum Meer werden“ würde — das Gedicht eines Großvaters — und dann die Realität. Wir präsentieren die Natur in einem utilitaristischen Rahmen: Wir gewinnen ihre Steine, kappen ihr Wasser, feiern das als Entwicklung. Doch die Dürre, die darauf folgt, wird jenseits der Grenze zu einer der Ursachen des Krieges. Grenzen existieren, aber die Natur hat überhaupt keine Grenzen — ein Wirbelwind treibt plötzlich Sand und Feuer auf die Felder; dieses Bild ist zum Grundmotiv des Projekts geworden.
In einer Künstlerresidenz in New York wird aus einer Flasche eine Tropfbewässerung eingerichtet, damit in einem Bett Bohnen wachsen — so empfindlich ist das feine Gleichgewicht der Natur. Unser Eingriff hingegen ist sehr grob und falsch. Archäologie, Geologie, Mesopotamien — von Göbekli Tepe bis zum frühen Byzanz — unter Wasser versunkene Orte, Bevölkerungsbewegungen, Sparsamkeit und Kreislauf. Je größer der geografische Maßstab wird, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Lokal und Global. Die Gesprächsreihe „Tekrar-Döngü“ (Wiederholung – Zyklus) — von Ali Alpers Vortrag über den Zyklus der Sterne bis zu den ökologischen Zyklen — bringt verschiedene Disziplinen zusammen. Cereyan — zugleich elektrischer Strom, Wasserfluss und ein unerwartetes Ereignis — das Wort selbst ist die Essenz des Projekts. Von Baumwollfeldern zu unter Wasser versunkenen antiken Städten, von Bevölkerungsbewegungen zum Staudammbau — jedes ein anderer Moment desselben Zyklus. Kinder zu erreichen, zu sehen, dass das, was man tut, ankommt — das ist ein Wissen, das man in der Tasche trägt, das sich nicht in Worte fassen lässt und doch wirkt.
DAS SKELETT DES BERGES
Jemand aus der Malerei, in Ankara geboren, in Istanbul aufgewachsen, mit einem Abschluss in bildender Kunst — seit 2004 auf dem Kunstmarkt, 10 Einzelausstellungen. Der Weg, der 2004 mit Industrieräumen und verlassenen Fabriken begann, ist vom Thema Abfall und Abwesenheit geprägt — das Verlassene selbst ist eine Ästhetik und eine Kritik. Nach Gezi 2013 führt dieser Weg zu Wandgraffiti, dann zu Steinbrüchen. Die Marmorsteinbrüche von Carrara in Italien, verschiedene Orte in der Türkei — was man sieht, ist das Skelett des Berges: nackt, abgetragen, schmerzhaft.
In Marmorsteinbrüchen sieht man das Skelett des Berges — das schmerzt mich wirklich. Aber ich muss eine Bildsprache finden.
Die Distanz zwischen einer vergangenen Landschaft und einem gegenwärtigen Bruch ist das Thema der Leinwand. Die Serie „Fill in the Plant“: künstliche Natur, Vertikalgärten, betonierte Flächen — während Millionen von Bäumen gefällt werden, täuschen wir uns mit ein paar Töpfen. Diese künstliche grüne Schminke ist eine egoistische Lösung.
Wiegt die Schönheit eines Bildes auf, dass es Schlimmes zeigt? Ein Sammler wird dieses Bild kaufen, es an die Wand hängen und es als etwas Schönes betrachten — aber löscht das nicht die Botschaft? Vielleicht. Aber die ästhetische Entscheidung lässt nichts vergessen — sie schafft einen anderen Weg, daran zu erinnern. Das Kunstwerk wird verkauft, tritt in eine Sammlung ein, wird zum Prestigeobjekt — dieser Widerspruch ist die Frage, die Kunstschaffende sich selbst stellen. Macht das schöne Objekt die Kritik wirkungslos? Die Spannung zwischen der Ästhetisierung der Natur und ihrer gleichzeitigen Kritik ist immer spürbar — aber diese Spannung auszuhalten, statt vor ihr zu fliehen, ist eine Form der Ehrlichkeit.
DAS ALTERNATIVE WORT
Heute wurde hier ein alternatives Wort produziert.
Wenn völlig andere Menschen rund um Energie zusammengekommen wären — Bürokraten, Parteimitglieder, Investoren — hätten sie auf Entwicklung gepocht, auf nationale Souveränität gepocht. Aber wir haben ein alternatives Wort zum selben Thema produziert, von Zyklen gesprochen, von der Herrschaft gesprochen, die Menschen über die Natur errichtet haben.
An diesem Tisch wurde eine andere Sprache gesprochen — „nukleare Kette“ statt nuklearer „Energielösung“, Herrschaft statt Entwicklung, Zyklus statt Wachstum. Und die Sprache zu ändern bedeutet, den Blick zu ändern.
Dokumentieren ist etwas anderes, als lösungsorientiert zu sein — aber es ist nicht weniger wertvoll. Einfach zu archivieren, sichtbar zu machen und so bei Menschen etwas zu bewegen, kann genügen. Man kann zugleich aktivistisch und künstlerisch arbeiten — es gibt Kunstschaffende, die sich „Aktivisten“ nennen, und solche, die das nicht tun. Wichtig ist nicht, welche dieser Bezeichnungen man wählt, sondern was man tatsächlich tut. Die Natur nicht als etwas Getrenntes zu sehen, sich daran zu erinnern, dass wir Teil davon sind — die Gewalt an der Natur ist die Gewalt an uns selbst. Daran müssen wir erinnern; im Grunde müssen wir uns selbst lieben. Lösungsorientiert zu sein ist nicht zwingend — manchmal reicht die Anwesenheit, das Bezeugen, das Aufzeichnen selbst aus.
Sieben Menschen aus Energieökonomie, politischer Soziologie, Anti-Atom-Bewegung, Kunst im Dorf, Karikatur, Fotokunst und Malerei — aus verschiedenen Gegenden (Balıkesir, Istanbul, Schwarzmeerküste, Urfa, Ankara), auf verschiedenen Wegen — haben dasselbe Thema berührt. Alle haben das Konzept Energie an einem anderen Ende gepackt: wirtschaftliche Energie, politische Energie, nukleare Energie, vitale Energie, kommunikative Energie, transformative Energie, ästhetisch-ethische Energie. Ökologische Schuldenberechnung, politische Diskursanalyse, Risikokarte nuklearer Katastrophen, der kollektive Weg künstlerischer Intervention, die wöchentliche Aufzeichnung der Geschichte, die Visualisierung der Transformation, das Hinterfragen der Ästhetik — all das sind verschiedene Gesichter derselben Frage. Je langsamer Bäume wachsen, desto mehr Energie und Wärme geben sie — Langsamkeit ist Anhäufung. Aber alles hat einen Preis. Atomkraft, Kohle, Kraftwerk — alle nehmen der Natur etwas ab und geben es mit etwas Risiko zurück. Das ist Transformation.
Energie ist kein wirtschaftliches Maß — sie ist ein zyklisches Phänomen, und gegen sie steht die Geschichte menschlicher Herrschaft. Die Sprache des Systems zu verlassen und zu einer anderen Sprache überzugehen — Zyklus statt Entwicklung, Gleichgewicht statt Souveränität, Sparen statt Wachstum — das ist ein politischer Akt. Das Konzept des sozioökonomischen Metabolismus — wie wir als Gemeinschaften unsere Umgebung organisieren, Input von außen, Verarbeitung innen, Output nach außen — dieser Rahmen hebt die Energiefrage aus einem technischen Problem heraus und verwandelt sie in eine existenzielle Frage. Und diese Frage lässt sich stellen, wenn Akademie, Kunst und Aktivismus an einem Tisch jenseits der Disziplinen zusammenkommen — und sie vermehrt sich dabei wie ein Rhizom. Erinnerung und Geschichte wurden an diesem Tisch ausgegraben — alte Fotografien, wöchentliche Karikaturen, archäologische Überreste, Fukushima-Zeugnisse. Sie alle sind ein Projekt des „Nicht-vergessen-Lassens“. Und nicht vergessen zu lassen ist mindestens ebenso sehr ein politischer Akt wie das Transformieren.