birbuçuk

Sindirim (Verdauung) Programm II — 2019
Sindirim (Verdauung) Programm II — 2019 26. Oktober 2019

PROZESSOR

Der Planet als großer Prozessor; 1993, der Tag von Internet und Tarkan; in der Klimakommunikation Tarkan-Fan sein; wo man doch wie Kinder spielen kann

Teilnehmende: Deniz Çevikus, Eymen Aktel, Ömer Madra, Ulya Soley, Deniz Tortum, HAH (Ahu, Murat, Ayça, Gizem), Ethemcan Turhan, Irmak Ertör, Aslı Dinç

Moderation: Serkan Kaptan, Ayşe Ceren Sarı, Yasemin Ülgen

Sindirim ist das zweite Programm, das das birbuçuk-Kollektiv im Rahmen der 16. Istanbul Biennale (2019) konzipiert hat. Anders als Solunum (2017–2019) stellt es nicht abstrakte Konzepte, sondern alltägliche Objekte — Beton, Kartoffel, Benzin, Wasser, Prozessor — in den Mittelpunkt. Jedes Objekt durchläuft zwei Phasen: In geschlossenen Vorsitzungen diskutieren Forschende, Künstler:innen und Aktivist:innen das Objekt aus ihrer eigenen Praxis; in öffentlichen Sitzungen werden diese Diskussionen an verschiedenen Orten in Istanbul der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der folgende Text ist die redigierte Aufzeichnung der fünften und letzten öffentlichen Sitzung, die am 26. Oktober 2019 im WORLBMON (MSGSÜ Istanbul Museum für Malerei und Skulptur) stattfand. Die Identitäten der Teilnehmenden sind zu Beginn vermerkt; im Laufe des Textes vermischen sich die Stimmen und folgen den Spuren eines kollektiven Denkens. Die Sitzung fand im Marathonformat statt — aufeinanderfolgende Präsentationen in zwei Sequenzen, Performances und Fragerunden; interaktive Erfahrungen und performative Abschnitte sind im schriftlichen Transkript nicht vollständig erfasst.

SPIELEN WIE KINDER

Das letzte Treffen. Der fünfte Gegenstand. Wasser, Benzin, Kartoffel, Beton — und jetzt der Prozessor. „Der große Prozessor“ nennt man ihn: die Natur selbst, der Planet selbst. Die Eröffnung beginnt mit dem vertrauten Geständnis — wir wissen es nicht, der siebte Kontinent ist in uns — aber diesmal endet der Satz anders: „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu übernehmen, ist keine Frage der Wahl mehr.“ Im Zentrum des Prozessor-Treffens stehen Zukunftsvorstellungen: Was kann die Zukunft an der Schwelle zum Aussterben sein? Die erste Szene gehört zwei jungen Menschen aus der Klimabewegung.

Eine Person kommt von Fridays for Future, die andere von Extinction Rebellion. Der Aktivismus wird nicht als Erzählung geteilt, sondern als Erfahrung: Bei einem Streik in Boğaziçi setzte sich eine Katze zwischen die Plakate, und alle spielten mit ihr. In Sinop liefen Kinder, nachdem sie ihren eigenen Streik organisiert hatten, in den Park. Ein kleines Kind schaute in die Kamera und sagte: „Ich bin fürs Klima aktiv.“ Hinter den Kulissen der Videodrehs lachen alle, albern herum, haben Spaß. Auf einmal geht im Video etwas schief — „ich hab's durcheinandergebracht“ — und auch diese Unbeholfenheit gehört zur Aktion.

Wo man doch wie Kinder spielen kann.

Dieser Satz ist Slogan und Methode zugleich. Statt vom Gewicht der Klimakrise erdrückt zu werden, im Kampf selbst Freude finden.

Im Streik Spaß haben, bei der Aktion lachen, glücklich sein, wenn man Zeit miteinander verbringt. Kinder wissen das bereits — das ist es, was Erwachsene lernen müssen. Beide betonen: Irgendwie ist es uns immer gelungen, Freude daran zu haben; wir haben nie aufgehört, gemeinsam etwas zu machen und es auf eine spielerische Ebene zu heben. In einem Video bringen Klimabewegte die Vorbeifahrenden zum Hupen — und zwar nicht missmutig, sondern mit Vergnügen. In Sinop wurde auf einmal gedreht, und eine Performance entstand — ungeplant, spontan. Gemeinsam lachen können: der kleinste, aber wertvollste Teil des Kampfes.

DER GROSSE PROZESSOR

Die zweite Stimme gehört jemandem, der Radiosendungen macht — einer der beharrlichsten Stimmen zur Klimakrise. Um den großen Prozessor zu erklären, setzt diese Stimme bei einem Gorilla an. Koko — ein Gorilla, dem jemand aus der Psychologie in jahrelanger Arbeit Gebärdensprache beibrachte. Vor dem Pariser Klimagipfel gab Koko auf die Frage „Was wird aus der Welt?“ diese Antwort: „Ich bin Blume. Ich bin Natur. Ich liebe Menschen. Aber Mensch dumm. Natur braucht Reparatur. Keine Zeit mehr.“ Kurz darauf starb Koko, aber ihre Botschaft lebt weiter.

Dann ein weiteres Wunder des großen Prozessors: Der im Amazonas lebende Weiße Glockenvogel kann 125 Dezibel erzeugen, um seine Partnerin zu rufen — so laut wie ein Betonbohrer. Diese Entdeckung wurde kürzlich im Guardian veröffentlicht. Eines der Themen der letzten Woche war auch Beton; dass ein männlicher Vogel, um sein Weibchen anzulocken, einen so gewaltigen Laut hervorbringen kann, einem Betonbohrer ebenbürtig, gehört ebenfalls zu den außergewöhnlichen Dingen, die der große Prozessor erschafft. Auch dieser Vogel ist, wie zu erwarten, bedroht — wie die große Mehrheit der Arten im Amazonas.

Außer Handeln scheint nichts zu bleiben. Das ist ganz klar.

Zitiert wird ein Satz vom Umschlag eines Buches, das von einer der Gründungsfiguren von Extinction Rebellion stammt: „Von diesem Moment an endet die Verzweiflung, und die Taktik beginnt.“ Elf Jahre bleiben — nach der Berechnung des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen. Fünfzig Prozent Erfolgswahrscheinlichkeit. Aber diese fünfzig Prozent sind unsere letzte Chance. Und in dieser letzten Chance ist es Pflicht, beim Aufbegehren Spaß zu haben — selbst Roger Hallam sagt das.

WIE MAN EIN TARKAN-FAN WIRD

Die dritte Szene beginnt an einem unerwarteten Ort: 12. April 1993. Der Tag, an dem mit einem gemeinsamen Projekt von ODTÜ und TÜBİTAK die erste Internetverbindung der Türkei hergestellt wurde. Im Oktober desselben Jahres schließt sich Tarkan, erst einundzwanzig Jahre alt, für drei Wochen in Istanbul in ein Studio ein und nimmt das Album „Acayipsin“ auf. Auf dem Album findet sich ein Song: „Durum Beter.“ Mit dem Vorsatz, in Sachen Klima aktiv etwas zu unternehmen, schreibt Tarkan diesen Song: Blumen blühen nicht, Staub und Rauch, Herzen in Gefahr, Babys — die Welt brennt, die Welt geht zu Ende, häng schwarzen Gedanken nach. Der Beginn des Internetzeitalters und das Bewusstsein für den ökologischen Kollaps zur gleichen Zeit.

Unsere Klimawandel-Hymne ist eigentlich längst geschrieben — 1993, lange bevor täglich dreieinhalb Milliarden Snaps verschickt und jede Minute dreihundert Stunden Video hochgeladen wurden. Zwei Personen treten auf — die eine kuratiert, die andere führt Regie — und erzählen, worüber sie bei der Vorbereitung ihrer Präsentation nachgedacht haben: wie wir aus dieser Bedrängnis herausfinden können. Ihre Frage ist eine andere: nicht, ob es die Klimakrise gibt oder nicht — es gibt sie. Auch Menschen zu überzeugen, ist gerade nicht ihre Frage — das tun schon Organisationen wie Açık Radyo, Extinction Rebellion oder 350, und zwar sehr gut. Die eigentliche Frage: Ständig an die Klimakrise zu denken, ist zermürbend und ermüdend, es zehrt einen aus — deshalb versuchen sie, auf neuen Wegen darüber zu sprechen: sich andere Formen der Kommunikation auszudenken, immer frisch zu bleiben, die Hoffnung zu bewahren, auch wenn sie hoffnungslos sind, nicht aufzugeben, auch wenn sie Angst haben.

Wie werden wir Tarkan-Fans? Aus den Tiefen von YouTube wird ein Video hervorgeholt: vierundzwanzig Leute haben es gesehen, fünfzehn davon vermutlich sie selbst. „Wir haben es für euch gefunden und mitgebracht“, sagen sie. Ein Kind stellt dem Vater Fragen zur globalen Erwärmung — unterzieht ihn einer Prüfung. Der Vater antwortet mit außergewöhnlicher Ruhe auf die letzte Frage, als hätte er es auswendig gelernt: Was ist das schlimmste Szenario? „Bankrott der Industrie, explodierende Lebensmittelpreise, Massenhungersnöte und Tod.“ Noch nie haben sie jemanden gehört, der das so ruhig sagen konnte. Diese Ruhe selbst ist erschreckend und komisch zugleich. Der Saal lacht auf einmal, dann wird er still, dann lacht er wieder. Im Internet schnell verbreitete Bilder, Videos und Memes spielen eine wirksame Rolle in der Klimakrisenkommunikation — Popkultur, Humor, absurde Ruhe sind neue Werkzeuge.

Wie werden wir in der Klimakrisenkommunikation Tarkan-Fans?

Statt vor Angst gelähmt zu sein, um die Krise herumgehen. Manchmal tut es gut, ihr direkt in die Augen zu schauen, manchmal muss man um sie herumgehen. Alle müssen für sich finden, was ihnen guttut.

DIE HELDENHAFTE SCHNECKE

Die vierte Stimme kommt aus der Wissenschaft — angereist aus Schweden, die zwei kleinen Kinder beim Partner gelassen. Sie arbeitet zur Klimagerechtigkeit. Sie beginnt ihre Präsentation, indem sie den Saal Slogans rufen lässt: „Was wollen wir? Klimagerechtigkeit! Und wann? Jetzt sofort!“ Und sie erzählt eine Anekdote: Wer zum ersten Mal einen Slogan ruft, dem klingt die eigene Stimme fremd. Als würde sie brechen, als würde sie dünner werden und zerbröseln. Wenn man dann weiterschreit, bemerkt man, dass die eigene Stimme in den anderen Stimmen verschwindet. Die eigene Stimme wird von der Stimme der Menge, die dieselben Dinge denkt, umhüllt, man löst sich auf. Diese Stimme ist die, mit der man als Menschheit spricht.

Ich bin lieber wütend als traurig.

Zehn Jahre zurück: Kopenhagen 2009. Damals war sie Teil einer Mobilisierung, die an das globale Klimaregime glaubte, an eine dringende Lösung glaubte. Große Hoffnung, großer Zusammenbruch. Die dänische Regierung griff zu außerordentlichen Maßnahmen, die Protestierenden auf den Straßen wurden terrorisiert, viele in Käfige gesteckt, der Gipfel brachte kein Ergebnis. Was lehrte dieser grandiose Zusammenbruch? Dass wir nicht der Illusion verfallen dürfen, von oben verordnete internationale Mechanismen wie das Pariser Abkommen könnten die globale Klimakrise allein lösen. Mit Naomi Kleins Worten: Um alles ändern zu können, brauchen wir alle — aber wer sind „alle“, was ist „alles“? Das sind die eigentlichen Fragen.

Die Stimme aus der Wissenschaft nimmt den Ökomodernismus unter die Lupe. Ausgangspunkt ist das Konzept der Cyborg-Stadt des marxistischen Geografen Erik Swyngedouw: Städte funktionieren heute als gewaltige sozioökologische Metabolismen — stellt euch Piccadilly Circus in London vor, Mensch und Natur ineinander verwoben, Maschine und Lebendiges untrennbar. Aber der Ökomodernismus präsentiert diese Verflechtung als Lösung: die Idee, die Monster, die wir erschaffen haben, mit Monstern zu vernichten, die wir ebenfalls erschaffen haben. Atomenergie, Kohlenstoffabscheidung, Geo-Engineering — alles Ausläufer derselben technologischen Hybris, alle mit einer hohen sozioökologischen Rechnung. Wer wird diese Rechnung bezahlen? Das Versprechen des Ökomodernismus ist in sich nicht schlüssig.

Was ist also die Alternative? Geplante wirtschaftliche Schrumpfung — das Wachstum selbst in Frage zu stellen. Wenn es kein Wachstum gibt, sehen alle eine Katastrophe, sprechen von Krise — aber dass das Wachstum grenzenlos weitergeht, ist bereits die Katastrophe schlechthin. Mit Eduardo Galeanos Worten: „Die Utopie ist zum Gehen da. Mit jedem Schritt entfernt sie sich, aber sie sorgt dafür, dass wir weitergehen.“ Auf dieser Idee gilt es, reale Utopien aufzubauen; auf jeder Ebene — im Viertel vor Ort, in regionalen Netzwerken, in der planetaren Politik — braucht es radikale Revolutionen. In der Geschichte von der Schnecke, die mit dem batteriebetriebenen Hasen um die Wette läuft, ist die heldenhafte Schnecke eigentlich die Metapher für eine Wirtschaft, die schrumpft, aber Widerstand leistet. Ausgehend von Donna Haraways feministischem Cyborg-Manifest: Werden wir in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Lebewesen und Maschinen gefallen sind, einen neuen ökologischen Ansatz begründen — oder mit derselben technologischen Hybris in die nächste Katastrophe laufen?

WIR SIND DIE OZEANE

Die fünfte Stimme kommt vom Meer — eine Kritik des Blauen Wachstums aus dem Blickwinkel der politischen Ökologie. „Das haben wir auf dem Land nicht geschafft, lasst uns auf dem Meer eine neue Seite aufschlagen“ — eine neue Wachstumswelle, die sich von der Europäischen Union über den asiatisch-pazifischen Raum bis nach Afrika ausbreitet, richtet sich auf die Ozeane. Aber zwischen den schönen Formen der Infografiken sieht man keine ölverschmierten Fische, keine verschwundenen Meereslebensräume, keine vertriebenen Fischergemeinschaften. Die Menschheit, von der wir sprechen, wenn wir vom Klimawandel reden, ist kein einheitliches Wesen — die Einzelnen und Gruppen in ihr tragen nicht dieselbe Verantwortung und sind nicht gleichermaßen von den Folgen betroffen.

Norwegische und spanische Großflotten haben ihre eigenen Meere leergefischt. Über bilaterale Abkommen kommen sie an die Küsten Senegals und Mauretaniens. Wer in der Kleinfischerei arbeitet, verliert den Zugang zu den eigenen Ressourcen und bekommt, wenn die Auswanderung nach Europa unausweichlich wird, zur Antwort: „Euer Fisch kann kommen, aber eure Papiere fehlen, ihr dürft nicht einreisen.“

Öko-Flüchtlinge — eine Kette der Ungerechtigkeit, die vom Tiefseebergbau bis zur Begegnung kleiner pazifischer Inselstaaten mit kolonialistischen Industrien reicht. Aber es gibt auch die, die sich dagegenstellen. Das Weltforum der Fischervölker ist seit 1997 organisiert und arbeitet gemeinsam mit der Bauernbewegung.

Fischerinnen — die oft nicht einmal als Fischerinnen anerkannt werden, aber am gesamten Produktionsprozess beteiligt sind. In Istanbul gibt es vierunddreißig Fischereikooperativen. Was bedeutet Kooperative? Strukturen, in denen jede Person ein Stimmrecht hat, in denen politische Führung wichtig ist. Manche können ihren Fisch direkt verkaufen, andere wegen Streitigkeiten mit der Stadtverwaltung nicht. Aber es gibt einen Verband — und dieser Verband hat konkrete Pläne wie den Direktverkauf, ein Modell für Kooperativenläden und ein Projekt, das Fischerinnen und Fischer bekannt macht. Verbindungen zu landwirtschaftlichen Kooperativen lassen sich knüpfen — es gibt Initiativen in Kadıköy, Koşuyolu, Beşiktaş. Agroökologische Produktions- und Verbraucherkooperativen funktionieren bereits. Die Organisation auf Stadtteilebene ist entscheidend, und diese Modelle müssen sich ausbreiten.

Die Ozeane sind wir, die Völker sind wir.

ZEITFRAGMENTE

Die letzte Performance gehört jemandem aus der Kunst: Ausgehend von Fiktionen des Aussterbens werden Erinnerungen von Menschen gesammelt — Zeitfragmente. Kleine, zerbrechliche, vergessene Momente. Eine Person erinnert sich, wie sie in der Grundschule zum ersten Mal „große Schwester“ genannt wurde: Sie kam spät aus dem Klassenzimmer, und ein ein Jahr jüngeres Mädchen sagte: „Große Schwester, dein Stift ist runtergefallen.“ Das Gefühl, zum ersten Mal große Schwester zu sein — sie kann es nie vergessen. Diese Erinnerungen werden in die Zukunft getragen und in neue Geschichten verwandelt. Die künstlerische Arbeit analysiert, was wir verloren haben, und erforscht zugleich, wie wir das Bestehende in Handeln überführen und an einen Punkt bringen können, an dem es gestaltende Kraft gewinnt. Eine Brücke vom individuellen Gedächtnis zur kollektiven Zukunft — je mehr Momente ihr habt, die nie ans Licht kamen oder zurückgestellt wurden, desto reicher die Zukunftsfiktion. Zum Abschluss werden die Spuren der fünf Wochen zusammengetragen.

Wir sprachen über Klimagerechtigkeit, sprachen über das Aussterben. Wir sprachen über die Bedeutung der biologischen Vielfalt, über Klimastreiks, darüber, dass die Zahl derer, die auf die Straße gehen, in einem Jahr von einer Person auf Millionen anstieg. Das Recht des Wassers zu fließen, der wahre Preis des Benzins, der Genpool der Kartoffel, die Körper unter dem Beton — und jetzt die Zukunftsvorstellungen des Prozessors. Ein interaktives Kollektiv spielte im ganzen Saal ein „Verbindungsspiel“ und sammelte über die sozialen Medien Vorschläge für die Zukunft: öffentliche Brunnen, gemeinsame Kompostplätze, Baubeschränkungen, Alternativen zu Take-away-Bechern. Kleine, konkrete Praktiken, die im Viertel beginnen. Jemand fragt: Warum sind wir dann, nachdem wir heute von morgens bis jetzt so viele düstere Gespräche gehört haben, immer noch hier?

Warum sind wir nicht geflohen? Die Antwort ist einfach und stark: „Wären wir pessimistisch veranlagt, wären die meisten von uns jetzt nicht hier. Wir würden fliehen, würden auf Abstand gehen. Wir müssen das Glück teilen, damit wir beieinander Hoffnung finden und die Kraft, etwas zu tun.“ Deshalb dient eigentlich alles, was getan wird — besonders zu diesem Thema —, dazu, die Hoffnung in uns voller Energie aneinander weiterzugeben. So endet das Sindirim-Programm: fünf Gegenstände, fünf Wochen, Wasser-Benzin-Kartoffel-Beton-Prozessor — von Alltagsgegenständen ausgehend zur planetaren Krise, von dort zu Zukunftsvorstellungen, von dort zur Kooperative im Viertel, von dort zu einem Verbindungsspiel im Saal. Das Bestreben, das Gefühl der Kunst, die Fakten der Forschung und die zündende Kraft sozialer Bewegungen zusammenzubringen — was birbuçuk von Anfang an sagt. Menschen, deren Produktionspraktiken so verschieden sind, dass sie normalerweise nie zusammenkämen, treffen sich von Angesicht zu Angesicht und beginnen, miteinander zu sprechen. Und dass dieses Gespräch existiert, dass diese Begegnung existiert, ist schon für sich genommen eine Aktion. Wir wissen nicht, was zu tun ist — aber das Nichtwissen selbst ist ein Ausgangspunkt.

Und von diesem Ausgangspunkt aus wie Kinder zu spielen, wütend zu sein, ein Tarkan-Fan zu sein, eine Kooperative zu gründen, langsam, aber entschlossen wie eine Schnecke zu gehen — das ist alles gleichzeitig möglich. Vielleicht ist dies das letzte Wort des Sindirim-Programms: inmitten der Zerstörung mit Freude zu existieren.