WASSER
Das Recht des Wassers zu fließen; Istanbuls Wasserwirtschaftskrise; das durch Wasserkraftwerke zum Schweigen gebrachte Kulturgedächtnis des Schwarzen Meeres; das Mittelmeer als Mikroplastiksuppe
Teilnehmende: Akgün İlhan, Sevinç Alçiçek, Sedat Gündoğdu, Dila Yumurtacı, Melek Nur Dudu, Merve Uzunosman, Serkan Taycan, Hazal Döleneken
Moderation: Serkan Kaptan, Ayşe Ceren Sarı, Yasemin Ülgen
Sindirim ist das zweite Programm, das das birbuçuk Kollektiv im Rahmen der 16. Istanbul Biennale (2019) konzipiert hat. Anders als Solunum (2017–2019) stellt es nicht abstrakte Konzepte, sondern alltägliche Objekte — Beton, Kartoffel, Benzin, Wasser, Prozessor — in den Mittelpunkt. Jedes Objekt durchläuft zwei Phasen: In geschlossenen Vorsitzungen diskutieren Forschende, Künstler:innen und Aktivist:innen das Objekt aus ihrer eigenen Praxis; in öffentlichen Sitzungen werden diese Diskussionen an verschiedenen Orten in Istanbul der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der folgende Text ist die redigierte Aufzeichnung der ersten öffentlichen Sitzung, die am 28. September 2019 im WORLBMON (MSGSÜ Istanbul Museum für Malerei und Skulptur) stattfand. Die Identitäten der Teilnehmenden sind zu Beginn vermerkt; im gesamten Text vermischen sich die Stimmen miteinander und verfolgen den Weg eines kollektiven Denkens. Die Sitzung fand im Marathonformat statt — aufeinanderfolgende Präsentationen und Performances; musikalische und performative Abschnitte sind in der schriftlichen Transkription nicht abgebildet.
DAS RECHT DES WASSERS ZU FLIESSEN: EINE ERÖFFNUNG
Die Welt ist wärmer als je zuvor und erwärmt sich schneller als je zuvor. Die Welt ist schmutziger als je zuvor und wird schneller als je zuvor verschmutzt. Wir versuchen, mit begrenzten Ressourcen grenzenlos zu wachsen. Wir versuchen, mit begrenzten Senken grenzenlos zu verschmutzen. Wir haben die Grenzen geöffnet, wir gehen auf das Aussterben zu.
Der siebte Kontinent ist in uns, in unserem Blut, in unserem Gehirn. Von innerhalb eines kaputten und ungerechten Systems versuchen wir, eben dieses System zu verändern. Und wir wissen definitiv nicht, was wir tun.
Die Eröffnungsrede beginnt wie ein Geständnis: wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was wir tun, aber wir akzeptieren das Nichtwissen als Ausgangspunkt. Wir wissen nicht, ob die Menschheit aussterben wird, aber wir sind sicher, dass Menschenrechte, Tierrechte, Naturrechte erlöschen werden. Die Eröffnung sagt, dieser Kampf sei ein Kampf mit uns selbst — den Feind draußen zu suchen ist einfach, aber wir sind dieser Feind.
Das erste öffentliche Treffen des Sindirim-Programms gilt dem Wasser, dem Recht des Wassers zu fließen. Gedanken, die über drei Jahre in den geschlossenen Sitzungen des Solunum-Programms angesammelt wurden, werden nun in den öffentlichen Raum getragen — im Rahmen der Biennale, aber über sie hinausströmend. Im Marathonformat: Forscher, Aktivisten, Künstler, Musiker werden nacheinander auf die Bühne treten, jede Präsentation dauert etwa zwanzig Minuten, mit Bühnenumbau dazwischen.
DER TEUFELSKREIS: ISTANBULS PRÜFUNG MIT DEM WASSER
Die erste Präsentation erzählt die Geschichte von Istanbuls Wasser — und diese Geschichte ist ein Teufelskreis. Der natürliche Wasserkreislauf ist einfach: Verdunstung von Oberflächen, Wolke, Niederschlag, Begegnung mit dem Boden. Aber wo ist der Boden in Istanbul? Überall ist Beton und Asphalt. Regen kann den Boden nicht berühren, nicht in ihn eindringen; der Kreislauf wird unterbrochen. Warum ist überall Beton? Weil es Migration gibt. Warum gibt es Migration? Weil die Investitionen hier sind. Warum sind Investitionen hier? Weil es rentabel ist. Solange Wasser aus dem Hahn fließt, werden die Menschen weiter zufließen.
Der Forscher listet Zahlen auf und jede Zahl ist eine Wunde: eine Bevölkerung von über 15 Millionen, ein täglicher Wasserverbrauch von 2,73 Millionen Kubikmetern — das ist ein enormes Wasserungeheuer. Netzverluste: 23,5 Prozent — eines von vier Gläsern Wasser verlässt den Staudamm und geht durch Risse und Brüche im Boden verloren, bevor es die Häuser erreicht. Mehr als 170 Bäche wurden in Betonkanälen eingesperrt. Der jährliche Niederschlag liegt über dem türkischen Durchschnitt — das ist keine wasserarme Stadt, sondern eine wassermanagementarme Stadt. Der Terkos-See versorgt Istanbul seit den 1880er Jahren, steht aber nun vor dem Risiko des Salzwassereinbruchs. Die vorgeschlagene Lösung: Wasser von Büyük Melen, 180 Kilometer entfernt, heranzubringen — ein Projekt, den Durst einer Megastadt mit dem Wasser einer anderen Geographie zu stillen. Die Stadt greift überall hin, wo es Wasser gibt. Sie entwässert das Wasser, wo sie hingreift. Dann greift sie weiter.
SKAMANGANA VERSTUMMTE: DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS DES SCHWARZEN MEERES
Die zweite Stimme kommt vom Schwarzen Meer und das Narrativ beginnt mit einem Objekt: dem Skamangana. Eine viertausend Jahre alte Vorrichtung — mit kleinen Wasserläufen aus den Tälern arbeitend, wilde Tiere mit dem Klang einer Glocke von Ackerflächen fernhaltend. Unsere Vorfahren dachten nie daran, die Tiere zu töten; mit der Kombination aus Wasser, Kastanienbaum und Einfallsreichtum produzierten sie eine Lösung.
Aber die Skamanganalar verstummten. Weil die Wasserläufe, die sie speisten, nicht mehr existieren. Nicht einmal die Überreste, nicht einmal die Spuren der kleinen Nebenläufe, die aus den Tälern in die Bäche hinabführten, sind noch vorhanden. Wasser zirkuliert im Boden wie Blut im menschlichen Körper — wenn man das Wasser oben abschneidet, hat man die Ader des gesamten Lebens abgeschnitten, das darunter entlang des Tals fließt. Der Aktivist erzählt diese Geschichte mit den Worten „sie kamen" — einige Unternehmen, die mit Gier, Heuchelei und den Lügen der Energie kamen. Sie sprengten die Berge, füllten die Ufer mit Felsen, legten den Bächen Handschellen an. Wasserkraftwerke — HES — sperrten das Wasser der Bäche in Rohre und ließen es. Mit der Lüge von „wir geben es unten bald zurück." Rotsämlinge begannen zu verschwinden; als das Wasser austrocknete, trocknete auch die Kultur aus. Das Narrativ wird zu einem Märchen: Çinka, die Wasserfe in Lazisch.
Als die Tochter des Königs der Feen eines Tages den Kopf heraustreckte und ihre Haare kämmte, rollte der Wind ihren Kopf weg; ein Brombeerndorn fing ihn auf; Çinka segnete den Dorn mit den Worten „möge dein Geschlecht nie erschöpft sein." Das Märchen wird unterbrochen: „Alles ist halb. Der Bach ist halb, der Film ist halb." Wie die Skamanganalar kann das Märchen nicht mehr mit dem Wasser fließen.
Wenn doch Çinka das ganze Schwarze Meer gesegnet hätte. Damit eure Wurzel nie erscheint, damit niemand kommen kann.
TOXISCHE LIEBE: AUS DEM INNEREN DES SIEBTEN KONTINENTS
Die dritte Stimme ist wissenschaftlich, aber ihre Sprache ist poetisch — ein Meeresbiologe, der dieses Thema an der Universität lehrt und immer mit einem kleinen Probenbehälter zu den Vorlesungen geht. Er erzählt die Geschichte der Mikroplastik: Bei der Plastikproduktion werden mehr als 900 chemische Substanzen verwendet, 148 davon sind tödlich. Wenn unsere Teppiche nicht brennen, wenn unsere Taschen halten, wenn unsere PET-Flaschen sich biegen, liegt das an diesen Chemikalien. „Wir haben eine toxische Liebesaffäre mit Plastik," sagt er. „Entweder bist du mein oder der schwarzen Erde — Plastik sagt uns das." Das Mittelmeer ist eine Mikroplastiksuppe. Das östliche Mittelmeer — genau diese Gewässer — ist eine der rötesten Regionen auf der Weltkarte. Im Golf von İskenderun, in Mersin, treffen täglich 31 Kilogramm Plastik an den Stränden auf; das Hundertfache davon wird im Meeresgrund begraben.
In einem kleinen Probenbehälter von 200 Millilitern: fünf Milliarden Mikroplastikpartikel. Fünf Milliarden — gezählt und durch Verhältnis bestätigt. Plankton frisst, Fische fressen, Robben fressen, Vögel fressen, wir fressen. Selbst das Wasser aus Waschmaschinen ist voll mit Kunststofffasern.
Wir spulen das Band an den Anfang zurück. Wir haben das Plastik weggeworfen. Das Plastik kam zu uns zurück. Verarbeitet, verändert, transformiert. Im Salz, in Muscheln, in Austern, im Fisch, in allem.
ZWISCHEN ZWEI MEEREN: MATERIAL, GRENZE, GEHEN
Die vierte Stimme gehört einem Ingenieur-Künstler — der Istanbul durch materielle Flüsse mit dem analytischen Blick liest, den die Ingenieurausbildung gibt, und mit der beobachtenden Distanz, die die bildende Kunst gibt: Steinbrüche, Bauaushub, Beton. Die Steinbrüche hinter dem Gazi-Viertel werden immer größer. Alte Lignitvorkommen wurden mit Aushubmaterial aufgefüllt, der dritte Flughafen darüber gebaut — ein „katastrophischer" Untergrund, wo der gesamte Schutt der Stadt sich sammelt. Bosphorus City: eine geschlossene Wohnanlage, gebaut über der alten Mülldeponie Halkalı, gespeist von einem künstlichen Kanal, der ohne Genehmigung Wasser aus dem Küçük Çekmece-See entnimmt. Die einfachste Form des Grotesken. Aber der Ingenieur-Künstler stellt nicht nur eine Diagnose, er schlägt auch eine Methode vor: Gehen. Der Akt des Gehens ist eine der grundlegendsten Bewegungen in der Menschheitsgeschichte — von Gandhis Märschen bis zum Pariser Aufstand von 1968, vom Stalker-Kollektiv bis zum Lykischen Weg. Er schlägt vor, die Kanal-Istanbul-Route in eine Wanderroute umzuwandeln: Lass die Menschen mit ihren eigenen Körpern erleben, was auch immer kommen wird, gut oder schlecht. Die Debatte über Grenzstaudämme tritt ebenfalls in diesen Rahmen ein: die GAP-Staudämme, die US-Mexiko-Mauer, Israel-Palästina, die Türkei-Syrien-Grenze — Wasser wird in ein Sicherheitsinstrument, ein Objekt des Militarismus verwandelt.
Wird aus Wasser eine Grenzmauer unter Verwendung von Sicherheitsstaudämmen gebaut? Wessen Sicherheit stellen diese Staudämme sicher? Wird Wasser aller seiner vitalen Kontexte beraubt und in ein Werkzeug des Militarismus verwandelt?
DER KLANG DES WASSERS: EIN ABSCHLUSS
Während des gesamten Marathons treten auch zwei Performances auf die Bühne — eine Gruppe führt ein Wasserritual auf, bringt Körper und Stimmen in Kontakt mit Wasser; ein Musiker wandelt den Kontakt von Pflanzenwurzeln mit Wasser in elektrische Signale, von dort in Klang um. Diese sind nicht in der schriftlichen Transkription abgebildet, aber sie bilden den Geist des Programms: Wasser ist nicht nur ein zu analysierendes Objekt, sondern eine Präsenz, die erlebt, gehört, berührt werden will. Die Nebeneinanderstellung von Forschung und Performance ist birbuçuks Methode: Wissen kommt nicht nur aus Daten, sondern auch aus dem Körper.
Beim Abschluss erhebt sich eine junge Stimme auf Englisch: „Maybe they will ask me about you, the people you knew back in 2018. Maybe they will ask why you didn't do anything." Die Stille, die sich über den Saal senkt, ist wie eine Antwort. Nächste Woche gibt es das Benzin-Treffen — die Erdölwirtschaft, die Klimakrise, Museumproteste. Der öffentliche Marathon von Sindirim hat begonnen, und Wasser als erstes Objekt hat sowohl die konkreteste als auch die politischste Frage gestellt: Jeder Bach, dessen Recht zu fließen usurpiert wurde, jeder Wasserweg, der in einem Betonkanal eingesperrt ist, jedes Meer, das mit Mikroplastik gefüllt ist, jeder Staudamm, der in ein Werkzeug des Militarismus verwandelt wurde — alle sind verschiedene Gesichter desselben Systems. Das Recht des Wassers zu fließen ist in Wirklichkeit das Recht des Lebens zu fließen.